„Nach einer Zeit unfreiwilligen Schweigens“
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden XIX
Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Bis heute wird mit den Forschungen von Otto Hintze gearbeitet. Fotos: Dr. Jan Kurz
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden - Teil 19
In dieser Folge geht um „Nach eine Zeit unfreiwilligen Schweigens“, in den Elbvororten.
„Nun bist Du wieder da und willst uns wie in alter Zeit alles erzählen, was uns Blankeneser interessiert“
Als Ende Oktober 1949 die Norddeutschen Nachrichten aus dem Hause Kröger zum ersten Mal nach dem Krieg erschienen, freute man sich. „Nach einer Zeit unfreiwilligen Schweigens“, so eröffnete die Redaktion die Ausgabe, sollte sie wieder als „Stimme für Heimat und Volk“ erscheinen. Verwurzelt in ihrer Tradition seit 1879: „Geschichte, Landschaft, Kultur und Wirtschaft des uns so teuren Heimatbodens, der für Generationen zum deutschen Vaterland und der Welt die Brücken schlug“, getragen vom „durch nichts zu erschütternden Glauben an einen guten Stern Deutschlands“.
Ganz bewusst positionierten sich die Norddeutschen Nachrichten so gegen eine „gewisse Großstadtpresse“, die mit hektischen Schlagzeilen und negativen Berichterstattungen die Laune der Leserschaft strapazierte. „Unser Blatt war und ist stolz auf die Bezeichnung Heimatzeitung, auf einen Titel, den nur Konkurrenzbesorgnis oder Unwissenheit mit kommandierter Gesinnungspresse radikaler Färbung gleichsetzen kann.“ Dieses sei „nicht Kirchturms- sondern Volkstumspolitik im besten Sinne.“

Otto Hintze war auch in Nienstedten als Heimatforscher hoch angesehen, Bild von 1973.
Der Seitenhieb auf die Presse der Großstadt und ihre zum Teil kritische Berichterstattung war durchaus Programm. „Den deutschen Leser, dessen Nerven im Lebenskampf bereits genügend Belastungsproben zu bestehen haben, soll die Zeitung nicht noch bewußt und ohne Grund beunruhigen. Illusionslos werden wir bemüht bleiben, täglich ein Bild der Wirklichkeit zu zeichnen, aber ein von gesundem Optimismus erfülltes, gründlich, unvoreingenommen und versöhnlich gestaltetes Bild.“ Versöhnung schien ihnen wichtig, und diese sollte ganz traditionell über die Brücke der Heimatverbundenheit und Heimatliebe in den Elbgemeinden und darüber hinaus erfolgen. „Das Unheil der hinter und liegenden Jahre hat die Heimatliebe nur gefestigt und die unserem Menschenschlage angeborene Lebensbejahung nicht zu beseitigen vermocht.“ Aus Heimat und Tradition sollte insofern nichts Neues erwachsen, sondern das Alte, freilich: um die Perversionen des Nationalsozialismus bereinigte, neu erstarken.
Der Seitenhieb auf die Presse der Großstadt und ihre zum Teil kritische Berichterstattung war durchaus Programm. „Den deutschen Leser, dessen Nerven im Lebenskampf bereits genügend Belastungsproben zu bestehen haben, soll die Zeitung nicht noch bewußt und ohne Grund beunruhigen.
Illusionslos werden wir bemüht bleiben, täglich ein Bild der Wirklichkeit zu zeichnen, aber ein von gesundem Optimismus erfülltes, gründlich, unvoreingenommen und versöhnlich gestaltetes Bild.“ Versöhnung schien ihnen wichtig, und diese sollte ganz traditionell über die Brücke der Heimatverbundenheit und Heimatliebe in den Elbgemeinden und darüber hinaus erfolgen. „Das Unheil der hinter und liegenden Jahre hat die Heimatliebe nur gefestigt und die unserem Menschenschlage angeborene Lebensbejahung nicht zu beseitigen vermocht.“ Aus Heimat und Tradition sollte insofern nichts Neues erwachsen, sondern das Alte, freilich: um die Perversionen des Nationalsozialismus bereinigte, neu erstarken.

Auch nach dem Krieg sah sich Hintze weiter als Sippenforscher, klassische Geschichte ergänzte diese Leidenschaft.
Entsprechend dieser redaktionellen Leitlinien berichteten die Norddeutschen Nachrichten nun wieder über Vereine, Persönlichkeiten und Geschehnisse aus ihrem Leserkreis. Themenauswahl und der Duktus der Artikel folgten diesen entsprechend. Nutzen wir die Zeitung als Quelle, so erschließt sich damit kein „objektives“ Bild der Geschichte der Elbgemeinden in der Nachkriegszeit und der frühen Bundesrepublik. Vielmehr vermittelt sie „ihr“ Bild der Geschehnisse, was auf die Leserschaft zurückwirkte. Insofern war die Zeitung auch einer der Anker für das konservative Milieu in den Elbgemeinden, sein treuer medialer Begleiter, wie schon in den Jahrzehnten vor dem Krieg.
Auch inhaltlich suchten die „Norddeutschen Nachrichten“ den Anschluss an die Zeit vor dem Krieg. Mit großen Berichten über die Entstehung der Dörfer, mit Artikelserien über die „üblichen“ Themen wie die Fischerei und Frachtsegler aus Blankenese (die „große Zeit“ der Blankeneser Schifffahrt), mit Erinnerungen älterer Einwohner, oder mit Geschichten der bekannten Familien und Parks – es galt, Tradition und Heimatverbundenheit wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
Rückgriff halten konnte die Redaktion der Norddeutschen Nachrichten auf das alte Netzwerk von Heimatforschern.
Autoren wie der 1893 in Berlin geborene Otto Hintze, der bereits seit den 1920er Jahren über die Familien- und Dorfgeschichten in den Elbgemeinden forschte, konnten so wieder publizistisch tätig werden. Hintze war beispielhaft für viele intellektuellen Repräsentanten des konservativen Milieus. Bekannt geworden war er noch in den 1920er Jahren mit (Auftrags-)Arbeiten zu Geschichte und Genealogie einzelner Familien wie der Familie Breckwoldt. Bis heute verbreitet als fundiertes Hilfsmittel ist auch seine „Volks- und Geschlechterkunde des Fischerdorfes Blankenese“, die er 1935 veröffentlichte.
Spätestens seit 1936 Mitglieder in der NSDAP war Hintze schon aufgrund seines Forschungsfeldes tief eingebunden in die NS-Kultur: Sippenforschung, verstanden als „blutsmäßige“ Verbundenheit gegenwärtiger Deutscher mit ihren Vorfahren diente auch immer dazu, „Undeutsches“ zu finden und zu exkludieren. Ohne ihm Antisemitismus oder ähnliche Einstellungen zu unterstellen, profitierte Hintze vom rassistischen Wahn der Nazis schon alleine dadurch, dass sein Forschungsthema gesellschaftlich so relevant geworden war. Dass sich jeder und jede Deutsche mit ihren Vorfahren beschäftigen musste, um den „Ariernachweis“ zu erhalten, begrüßte er explizit. Denn, so Hintze 1936, „mit der Feststellung der ‚arischen Großeltern‘ wird lediglich nur den gesetzlichen Anforderungen Genüge geleistet. Ihre Ermittlung bedeutet jedoch für die Sippenforschung nicht viel mehr als ein geringer Anfang. Angeregt durch solche ‚Vorarbeit‘ setzt damit erst die eigentliche für den Forscher ebenso wie für viele wissenschaftliche Erhebungen im Dienst am Staat und am Volk interessante und notwendige Sippen- und Ahnenforschung ein.“
Bis 1933 erarbeitete Hintze Genealogien verschiedener Familien, hier der Breckwoldts..
Der Forscher Otto Hintze machte auf dem Ticket seiner Sippenforschung Karriere: Als „Obmann für Sippenforschung in den Kreisen Pinneberg und Eiderstedt“ tauchte Hintze bereits 1935 auf. Höhepunkt war dann die Berufung zum „Führer des Landesverbandes Nordmark des der Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin unterstellten `Reichsverbands der Sippenforscher u. Heraldiker e. V.`“, wie die Norddeutschen Nachrichten Ende Februar 1943 vermeldeten. Für Hintze brachte die Beförderung neben dem Renommée auch handfeste Vorteile: Unter anderem wurde er zum Stadtarchivar der Stadt Winsen a. d. Luhe berufen, was ihm Gehalt und damit die Möglichkeit einbrachte, von seinen Forschungen leben zu können. Dann, 1945 um Amt und Würden gebracht, verlegte Hintze seine Forschungen von den „Sippen“. Leben konnte er von seinen Forschungen indes nicht mehr.
Als kaufmännischer Angestellter in Altona sicherte er nun die materielle Grundlage für sich und seine Frau, um nach Feierabend an seinem Lebensthema weiterzuarbeiten: Mit der Geschichte von Eidelstedt, einer Chronik von Lurup, Beiträgen über Kirchen, die Geschichte der Straßennamen in den Elbgemeinden, oder mit Forschungen über den Pfahlewer auf der Elbe blieb er heimatkundlich tätig.
Auch Familien- und Geschlechtergeschichte blieben freilich Thema. Sich selbst bezeichnete er daher auch weiter als „Sippenforscher“, und so wurde er auch wahrgenommen. Noch 1973 und zu seinem 80. Geburtstag, würdigte der Nienstedtener Heimatbote Otto Hintze, seine „Besessenheit an der Arbeitsaufgabe“ und seine „Pflichterfüllung“.
Ob sich Otto Hintze selbst als Nationalsozialisten verstanden hatte, darüber fehlen uns bisher entsprechende Dokumente oder Selbstzeugnisse. Formal war er es durch seinen Parteieintritt geworden. Inhaltlich standen seine Interessen der rassistischen Ideologie des NS nahe. Sie wurden aber freilich nicht von diesen exklusiv beansprucht. Hintze forschte zur Sippengeschichte lange vor 1933, intensivierte dies mit offizieller Unterstützung danach und diversifizierte seine Themen nach 1945 notgedrungen. Sein Betätigungsfeld, Familienforschung und Heimatkunde sind ja doch zunächst völlig unverdächtige Hobbys, die seit 1933 politisch und ideologisch extrem aufgeladen wurden im Sinne der NS-Rassenkunde.
Dass Otto Hintze Interesse an diesen Themen hatte, ist ihm nicht vorzuwerfen. Dass er seit 1933 seine Karriere im Sinne der NS-Ideologie vorantrieb, schon. Werturteilsfreie Forschung, wie sie noch vor 1933 nachzuweisen ist, löste er ab zugunsten von Arbeiten, die dem Nationalsozialismus entgegenkamen. Sippenforschung war nun, so Hintze in einem Artikel 1936, in Abwehr „fremdrassiger Elemente unter uns“ zu verstehen, die Sippenforschung aus naheliegenden Gründen ablehnten. Vergleichbare Äußerungen sind aus der Zeit nach 1945 bisher nicht überliefert, ebenso wenig Stellungnahmen zu diesen.
Hintzes Forschungsfeld blieb konstant. Ein Umstand, der es ihm erlaubte, sich über die „Zeitenwenden“ vielleicht weniger Gedanken zu machen, als wir es heute tun. Konservative Werte stabilisierten seine Welt und ließen ein Kontinuum entstehen, welches ihn und sein Milieu in die Bundesrepublik trug. Die unsägliche Zeit des sogenannten Dritten Reichs verengte sich in der eigenen Wahrnehmung somit auf ein kurzes, misslungenes Zwischenspiel der deutschen Geschichte, über das nicht mehr gesprochen werden sollte. Otto Hintze starb am 31. Oktober 1979.
Dr. Jan Kurz