Der Rissener - Elbflair media GmbH

„Das erste Pessach nach der Befreiung“

Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden XIII

Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Lehrer, Betreuer, Schülerinnen und Schüler vor dem Warburg-Haus im April 1946. (Quelle: Yad Vashem Fotoarchiv)


facebook sharing button
twitter sharing button
whatsapp sharing button
email sharing button

Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden - Teil 13

In dieser Folge geht um die „Das erste Pessach nach der Befreiung“ in den Elbvororten.


„Das erste Pessach nach der Befreiung“

Es mag der 2. April 1946 gewesen sein, an dem das Foto entstand. Am Abend dieses Tages nämlich, begann Pessach, das jüdische Fest, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert, an das Ende der Sklaverei. Wie schon im 2. Buch Moses, Exodus, steht die Sehnsucht nach der erhofften Heimat, Zion, im Zentrum der Fotografie – umrahmt von dem Zeichen des Judentums, das so viele Jahre ein Stigma im Europa des Nationalsozialismus war, der Schild Davids, der Davidstern. Nur entstand dieses Foto nicht in Ägypten, sondern auf dem Kösterberg, zwischen Blankenese und Rissen.


Seit Anfang 1946 existierte hier auf dem Gelände der Familie Warburg ein Heim für jüdische Kinder und Jugendliche, Überlebende der Shoa. 102 Kinder wurden zunächst auf den Kösterberg gebracht, die meisten aus Bergen-Belsen. Geplant war das Heim für bis zu 200 Kinder, die hier untergebracht, verpflegt und unterrichtet werden sollten. Für mehr als 300 Jungen und Mädchen sollte in der Zeit bis 1948 Haus und Garten über der Elbe Zwischenstation sein auf dem Weg ins Mandatsgebiet nach Palästina.


Erich Stiefel, der, wie so viele, seinen deutschen Namen ablegte und sich Eliyahu Ben Yehuda nannte, war einer der Gründer des Hauses, nachdem er seit Oktober 1945 mit jüdischen Überlebenden in Bergen-Belsen gearbeitet hatte. Vielleicht ist er auf dem Foto hinten rechts zu sehen. Später gab er dazu zu Protokoll: „In Bergen -Belsen sahen wir unsere wichtigste Aufgabe darin, mit den Jugendlichen zu arbeiten. Es gab zwar eine Elementarschule…. Das Entscheidende, was in der Schule fehlte, war der Glaube an Israel. Den wollten wir der Schule bringen, hier sahen wir unsere wichtigste Aufgabe.” Ben Yehuda erkannte schnell, dass dafür nötig war, das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen zu verlassen, ein Ort, an dem keine Zukunft lag. Durch Kontakte zum American Jewish Joint Distribution Committee stieß er auf das Gelände der Familie Warburg, die in den 1930er Jahren enteignet worden waren, Haus und Garten nun aber schnell zur Verfügung stellen.


Der Glaube an Israel, den es zu erwecken galt, drückte sich zunächst in der Erinnerung an die Geschichte und Tradition des eigenen Volkes aus. Vielfach musste diese Erinnerung wieder aktiviert und neu erlernt werden, denn die Kinder auf dem Kösterberg hatten dazu jahrelang keine Chance gehabt. Wenn sie etwas miteinander verband, dann die Tatsache, dass sie keine Familie mehr hatten, heute würden wir wieder von „allein reisenden Jugendlichen“ sprechen. Kaum eines der Kinder war vor 1930 geboren, wie die Listen der ersten Auswanderergruppen nach Palästina zeigen. Auch auf dem Foto erkennen wir in vielen Gesichtern, die Jugendlichkeit. Die meisten hatten in Polen überlebt, wo seit 1939 von „normalem“ jüdischen Leben keine Rede mehr gewesen war.


Renia Baff neben der Einfahrt zum Warburg-Haus. Renia, geboren in Lodz, ging 1948 nach Palästina. (Quelle: Yad Vashem Fotoarchiv)

Wie kann man nach den jahrelangen Erfahrungen von Ausgrenzung, Verfolgung und Verlust der eigenen Familie, der Eltern, nach Angst und Hunger noch lachen, fragt man sich. Vielleicht liegt eine Antwort in diesem Foto. Zion und der Schild Davids im Zentrum, die hebräische Jahreszahl, der Text: „Das erste Pessach nach der Befreiung, Kinderheim (nicht lesbar) 1946 Blankenese.“ Das erste gemeinsame Pessachfest der Überlebenden nach dem Krieg.

Die erste gemeinsame Erinnerung an die Vorfahren, die Ägypten verließen, um nach Palästina zu ziehen. Wie stark kann diese Parallele die Gruppe miteinander verbunden haben, kann die Schmerzen der Vergangenheit lindern und die Gemeinschaft nach vorne blicken lassen? Renia Baff erinnerte sich später: „After indescribable losses – my family, my childhood and my friends – I was overwhelmed with emotional and physical pain. The "Kinderheim" in Blankenese restored part of my lost childhood to me. It became my home.“  (Übersetzung, d.R.: „Nach unbeschreiblichen Verlusten – meiner Familie, meiner Kindheit und meinen Freunden – war ich von emotionalem und körperlichem Schmerz überwältigt. Das „Kinderheim“ in Blankenese gab mir einen Teil meiner verlorenen Kindheit zurück. Es wurde mein Zuhause.“)


Renia Baff neben der Einfahrt zum Warburg-Haus. Renia, geboren in Lodz, ging 1948 nach Palästina. (Quelle: Yad Vashem Fotoarchiv)

Es sind zum Teil noch schüchterne Blicke in die Kamera, befreit von der Last ist noch nicht jeder, wie auch. Doch die Verbindungen zwischen den Kindern und Jugendlichen müssen schnell und intensiv gewachsen sein. Bereits im Oktober 1946 notiert ein Bericht der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), also der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen, den Fall eines sechzehnjährigen Mädchens, das lieber mit seiner Gruppe nach Palästina gehen wollte, als zu Verwandten, die sie ja nicht einmal kenne, nach England. Auch später erinnerten sich die Kinder an diesen Moment: “Straight after my arrival at Blankenese, I was fortunate to celebrate my first post-liberation Passover! To be sure, the words "and now a free man" resonated with meaning, and a "stranger" – someone who hadn't been through it – couldn't grasp that. 


This was a Passover Seder brimming with pride, run by Jewish Brigade soldiers who served as teachers and counsellors.” (Übersetzung d.R.: Gleich nach meiner Ankunft in Blankenese hatte ich das Glück, mein erstes Pessachfest nach der Befreiung zu feiern! Natürlich hatten die Worte „und nun ein freier Mann“ eine Bedeutung, und ein „Fremder“ – jemand, der das nicht durchgemacht hatte – konnte das nicht begreifen. Dies war ein Pessach-Seder voller Stolz, der von Soldaten der jüdischen Brigade geleitet wurde, die als Lehrer und Berater dienten.“)

Doch der Kösterberg war immer nur eine Zwischenstation. Das eigentliche Ziel, die Immigration nach Palästina, war für alle klar, wie Matityahu Zur in seinem Tagebuch notierte, als er, nur wenige Tage nachdem das Foto aufgenommen war, das Warburg-Haus schon wieder verließ, um nach Marseille und dann nach Israel gebracht zu werden: „5 April 1946. We left school at 9 AM, and marched through the streets of Blankenese in a line, singing Hebrew songs; Eliyahu Ben Yehuda was at the front of the line, in his uniform, and Zvi Taier (ein Lehrer) brought up the rear, also in uniform. Everyone looked at us, marching and singing in Hebrew. We were elated. And indeed, one year earlier, who would have thought that in this cursed land you would hear the sound of Hebrew songs from the mouths of marching Jewish youngsters led by Jewish soldiers?” (Übersetzung d. R.: „5. April 1946. Wir verließen die Schule um 9 Uhr morgens und marschierten in einer Reihe durch die Straßen von Blankenese und sangen hebräische Lieder; Eliyahu Ben Yehuda stand in seiner Uniform an der Spitze der Reihe, und Zvi Taier (ein Lehrer) bildete das Schlusslicht, ebenfalls in Uniform. Alle schauten uns an, marschierten und sangen auf Hebräisch. Wir waren begeistert. Und wer hätte ein Jahr zuvor tatsächlich gedacht, dass man in diesem verfluchten Land den Klang hebräischer Lieder aus dem Mund marschierender jüdischer Jugendlicher unter der Führung jüdischer Soldaten hören würde?“)


Abfahrt der ersten Gruppe nach Hannover, dann nach Marseille April 1946. (Quelle: Yad Vashem Fotoarchiv).

Der Transfer durch das kriegszerstörte Deutschland war nicht einfach: Von Blankenese ging es mit Bussen des Deutschen Roten Kreuz verspätet nach Hannover, von hier aus direkt mit dem Zug nach Frankfurt und dann weiter nach Frankreich. Aber die Zukunft leuchtete positiv für die Kinder, wie die Berichterstatterin des UNRRA ihrer Vorgesetzten in Arolsen mitteilte: „The children did not reach Hannover until after 9 and had to go directly to the train instead of having a rest and a hot meal as planned. The hot food was brought to the station but the children were far to excited to get much benefit from it.” Zukunft, wir kommen. (Übersetzung d. R.: „Erst nach 9 Uhr in Hannover an und mussten direkt zum Zug, anstatt sich wie geplant auszuruhen und eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Das warme Essen wurde zur Station gebracht, aber die Kinder waren viel zu aufgeregt, um viel davon zu profitieren.“)

Im Mai 1947 werden dann auch die letzten Kinder der Gruppe auf dem Foto in das Mandatsgebiet ausreisen können, Alijah machen, und sich im Kibbuz Hulda zwischen Tel Aviv und Jerusalem ansiedeln. Nur ein halbes Jahr später sollten die Kinder wieder spüren, was existenzielle Unsicherheit bedeutet. Mit Verkündung des UN-Teilungsplans für Palästina geriet der Kibbuz Hulda in das Zentrum der beginnenden militärischen Auseinandersetzungen. Von hier aus starteten die bewaffneten Versorgungsfahrten der jüdischen Soldaten in das belagerte Jerusalem. Hier lag ein Ziel arabischer Angriffe. Von hier aus wurde mit Chulda eines der ersten arabischen Dörfer durch jüdische Bataillone angegriffen und dessen Bewohner vertrieben. Geschichte, die uns bis heute in Atem hält.

Dr. Jan Kurz

Vielleicht auch Interessant

facebook sharing button
instagram sharing button
youtube sharing button