Leben im Kibbuz Serubabel
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden XII
Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Kibbuzniks vor dem Elbkurhaus (© United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of Ann Bicky. Foto: archive no. 64251 Kibbutz Zerubavel)
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden - Teil 12
In dieser Folge geht um die „Leben im Kibbuz Serubabel“ in den Elbvororten.
Leben im Kibbuz Serubabel
„Jewish Post in Hamburg – Palestine Traffic.” Unter diesem dramatischen Titel erschien am 18. November 1946 im „Daily Telegraph“ in London ein Artikel, der Blankenese direkt mit einem der Zentren kommender globaler Konflikte in Verbindung brachte, dem britischen Mandatsgebiet in Palästina. Grund für diese Verbindung war eine kleine Schule für Fischerei, die sich nur wenige Monate vorher im März 1946 gegründet hatte und im ehemaligen Elbkurhaus, am Mühlenberg, in Dockenhuden, ansässig war. Hier, im Kibbuz Serubabel, lebten bis zu 80 jüdische Displaced Persons (DPs), die vor allem in Osteuropa die Shoa überlebt hatten. Die meisten von ihnen, Erwachsene, Jugendliche und Kinder, scheinen über das Auffanglager in Belsen in die britische Besatzungszone gekommen zu sein, wo die jüdische Organisation der Poale Zion ihnen die Möglichkeit für eine Ausbildung zum Fischer eröffnet hatte. Wie die Poale Zion ausgerechnet auf das leerstehende Elbkurhaus gekommen sind, ist noch nicht geklärt.
Das Elbkurhaus hatte bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs seine Pforten für die Öffentlichkeit geschlossen. In einem Zwangsversteigerungsverfahren übernahm es im Januar 1939 der Reeder John T. Essberger, zu dieser Zeit auch Staatsrat in Hamburg und als Reichsschiffahrtsführer oberster Repräsentant der zivilen deutschen Schifffahrt. Seine Pläne, das Haus zu renovieren und, so die „Norddeutschen Nachrichten“, „wieder zu einem repräsentativen Unternehmen für Blankenese und die Unterelbe“ zu machen, wurden durch den Krieg zunichte gemacht.
Vermieten konnte Essberger das Haus dann ausgerechnet an das Luftgaukommando XI, das den ersten und zweiten Stock belegte, während verschiedene, wahrscheinlich ausgebombte Firmen, im Erdgeschoss saßen. Offiziell verlies das Luftgaukommando das Haus auch erst im Mai 1946, weshalb das Wohnungsamt Hamburg dann umgehend die Immobilie für die Fischereischule blockierte. Bis Mitte November scheint dies für Essberger kein Problem gewesen zu sein, denn, wie er gegenüber der britischen Militärverwaltung erläuterte, „die Abwicklungsstelle Wehrmacht wird die Miete inklusive 1946 zahlen, die in Verbindung mit dem Luftgau steht“. Sogar für die weitere Zeit nach Auszug wollte die Abwicklungsstelle die Mieten zahlen, aber nur für den leeren zweiten Stock. „Die Miete für den ersten Stock und für das Erdgeschoss ist von der Fischereischule zu entrichten“, was bisher nicht getan wurde.
Der Kibbuz Serubabel scheint mit offizieller Anerkennung der britischen Militärregierung, Abteilung Fishery Control, seine Arbeit aufgenommen zu haben, denn alle Insassen erhielten D.P.-Rationen in der Zuteilung, wie ein Bericht an das Central Jewish Committee vom November 1946 ausführte. Unterstützung kam auch von der neu eingerichteten United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA). Und auch sonst hatte alles seine Ordnung: „Von deutschen Eigentümern“, so fährt der Bericht fort, „wurden gegen Entgelt vier Fischerboote gemietet, mit denen der Fischfang ausgeführt wurde und auf denen die praktische Ausbildung der Schüler erfolgte. Gemäss Verabredung mit der Fischerei Kontrolle gingen sämtliche Fänge, die ca. 150 kg pro Woche betrugen, an die jüdischen Einrichtungen in Hamburg (Kinderheim, Altersheim, Krankenhaus etc.). Neben der praktischen Ausbildung auf dem Wasser erfolgte eine gründliche theoretische Schulung in allen Wissensgebieten der Navigation. Für die praktische und theoretische Ausbildung standen mehrere politisch zuverlässige deutsche Instrukteure zur Verfügung. Ihre Besoldung erfolgte durch die Schule.“
Bereits wenige Monate nach ihrer Gründung hatte die Fischereischule bewiesen, dass sie „qualifizierte Fischer ausbilden kann“, wie ein Besucher später zu Protokoll gab. Mit dem Fischfang, von dem ein Teil selber geräuchert und verbraucht wurde, einer eigenen Werkstatt für Reparaturen und selbst organisierten kulturellen Aktivitäten sowie Sport in Form von Schwimmen und Rudern, war die Gemeinschaft der Kibbuzniks (Kibbuznik = Bewohner eines Kibbuz) fast autonom. Der Fischfang dauerte zunächst bis zu vier Tage, dann bei Fahrten in die Elbmündung bis zu zwei Wochen.
Doch die Spannungen blieben nicht aus. Das lag vor allem daran, dass es unter den deutsch-jüdischen Überlebenden, die eine neue Gemeinde in Hamburg etabliert hatten, und den osteuropäisch-jüdischen DPs aus Bergen-Belsen Meinungsverschiedenheiten gab. Sollte in Deutschland wieder jüdisches Leben entstehen und Gemeinden aufgebaut werden? Wer wurde nach den Wirren von Krieg, Verfolgung und Vernichtung als Jüdin, als Jude anerkannt? Wem standen die internationalen Hilfsleistungen für die Überlebenden der Shoa zu? Wenngleich auch die jüdische Gemeinde in Hamburg die Arbeit des Fischerei-Kibbuz unterstützte, so sah ihr Vorsitzender Harry Goldstein doch auch eine Gefahr in ihm. Als „Filiale der ‚Belsner‘“, so Goldstein nach einem Besuch in Blankenese am 18. September 1946, stand der Kibbuz im Verdacht, aktiv auf dem Schwarzmarkt zu sein, was auch die britischen Militärbehörden vermuteten.
Als dann Mitte Oktober 1946 der britische Labour-Abgeordnete Richard B. Strokes im Unterhaus die Arbeit des Kibbuz kritisch hinterfragte, rückten auch die Militärbehörden schnell von ihm ab. Nun vermutete man außer den Schwarzmarktaktivitäten auch eine aktive Mithilfe der Kibbuzniks bei der illegalen Immigration von Juden nach Palästina. Seit dem 11. August 1946 lief dort die Operation Igloo, mit der das britische Militär in Palästina die illegale jüdische Einwanderung unter Kontrolle bringen wollte. Flüchtlinge wurden nun nicht mehr in Internierungslager in Palästina verbracht, sondern nach Zypern, was zu erheblichem Widerstand der jüdischen Bevölkerung in Palästina führte und die Spannungen weiter steigen ließ, bis die Briten das Ende des Mandats verkündeten. Der Verdacht, dass am Mühlenberg unter dem „Deckmantel“ des Kibbuz „jüdische Propagandisten“, so der „Daily Telegraph“, tätig waren, reichte nun aus.
Am 21. November 1946 rückte die britische Militärpolizei ins Elbkurhaus ein und löste den Kibbuz Zerubavel auf. Die Kibbuzniks, so sie noch da waren, hier weichen die Quellen voneinander ab, wurden in einem Transport nach Belsen gebracht, einige sollen auch in einer anderen Fischereieinrichtung, der Maritime Training School in Neustadt an der Ostsee, weiter aktive gewesen sein. Alle Proteste der Verantwortlichen waren umsonst. Lennart Onken und Björn Siegel haben hierzu einige Forschungen angestellt und Material erschlossen.
Dr. Jan Kurz
