„Doppeleiche“
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden XI
Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Umquartierungsanordnung für festgestellte sog. Flüchtlinge, blanko Oktober 1945. Fotos: Dr. Jan Kurz
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden - Teil 11
In dieser Folge geht um die Flüchtlinge und die Aktion „Doppeleiche“ in den Elbvororten.
Flüchtlinge und die Aktion „Doppeleiche“
Als gegen Mittag des 1. Oktober 1945 die Durchsage in der Wohnungsabteilung des Ortsamtes Blankenese ankam, blieb kaum Zeit. „Spätestens 14 Uhr“, so hieß es, hätten sich „für jeden Kreis sofort zwei Kräfte im Umquartierungsstab, Feldbrunnenstr. 17 I.“, zu melden. Die Kräfte sollten ortskundig sein, sich mit den Ausgabestellen und gebietlichen Einteilungen in ihrem Kreisgebiet auskennen und „je 1 amtliches Gebiets- und Strassenverzeichnis sowie Schreibmaterial mitzubringen.“ Mit der sogenannten Aktion „Doppeleiche“, der wenig später die Aktion „Heimat“ folgte, machten die britische Militärregierung und die Hamburger Verwaltung den ersten Versuch, Ordnung in das vom Krieg hinterlassene Chaos zu bringen – zumindest in einen Teilaspekt dieses Chaos. Erfasst werden sollten „deutsche Flüchtlinge in Hamburg, die nach dem 1. Januar 1945 nach Hamburg zugezogen sind.“ Genauer unterteilt werden sollten sie in „Rückkehrer“, die nachweisen konnten, vor dem 1. September 1939 in Hamburg gewohnt zu haben, und „Flüchtlinge“, so die Richtlinien für die Umquartierung vom 15. September 1945.
Die Realität konnte diese Unterscheidung in „Rückkehrer“ und „Flüchtlinge“ indes nicht abbilden, zu babylonisch erschien die Lage: Migration, also die auf mehr oder weniger lange Dauer angelegte räumliche Verlagerung des eigenen Lebensmittelpunktes, traf in der Nachkriegsgesellschaft unterschiedlichste Gruppen: Die größte Gruppe bildeten die etwa 14 Millionen Deutschstämmigen aus Ost- und Südeuropa, die vor der Roten Armee flohen oder später vertrieben wurden, Vertriebene im engeren Sinne. Ausgebombte Hamburgerinnen und Hamburger waren bereits seit Mitte 1943 zur Normalität geworden, sogenannte Evakuierte. Später kamen noch die Flüchtlinge aus der Sowjetisch Besetzten Zone, SBZ, hinzu, sogenannte Sowjetzonenflüchtlinge.
Alliierte Soldaten prägten das Straßenbild, ihre Wohnbedürfnisse zwangen weitere Hamburgerinnen und Hamburger aus den angestammten Heimen. Unmittelbar nach Kriegsende dominierten in den Elbgemeinden Tausende von deutschen Soldaten und Angehörigen anderer Verbände, die über die Elbe Richtung Nord und Süd zogen. Zehntausende von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen konnten ihre Lager verlassen. Nicht alle wollten oder konnten in ihre alte Heimat zurück. Aus ihnen wurden im Jargon der Besatzer schnell „Displaced Persons“, DPs. Dazu kamen ehemalige Insassen von Konzentrations- und Vernichtungslagern, die in die westlichen Besatzungszonen strömten. Ihnen gegenüber stand eine einheimische Bevölkerung, für die jeder „Flüchtling“ eine potenzielle Gefahr darzustellen schien.
Charakteristisch für die Situation Einquartierungen 1943 und 1945 in Iserbrook.
Und dies für Manchen auch nicht ohne Grund. Gerade diejenigen, die sich als aktive Nationalsozialisten hervorgetan hatten, sahen sich mancherorts mit Räumungsbeschlüssen konfrontiert. Kurt Bonny aus dem Wisserweg in Iserbrook, seit März 1932 Mitglied der NSDAP, Verwaltungsobersturmführer im NSKK und Träger des Goldenen HJ-Abzeichens, musste mitsamt seiner Familie sein Haus verlassen und Platz machen für eine Familie von Verfolgten.
Seinem Parteigenossen Willy Sievers, Parteigenosse seit 1931 und Truppführer in der SA, sah sich gleichen Problemen ausgesetzt, auch wenn sein Haus mit seiner Familie, 1943 Ausgebombten und 1945 zugezogenen Verwandten bereits mit „Flüchtlingen“ dicht belegt war: Neun Personen auf etwa 60 Quadratmetern = 6,7 Quadratmeter pro Person. Als Belasteter musste er raus. In der heutigen Reichspräsident-Ebert-Kaserne richteten die Britischen Truppen zunächst eine Unterbringungsstelle für DPs ein. Diese existierte neben einem Lager auf dem gleichen Gelände, in welchem die Briten vorübergehend etliche durch den „automatic arrest“ verhaftete Nationalsozialisten und Funktionsträger des Dritten Reiches in den Elbgemeinden zusammenführte. Wie bereits berichtet, kollidierten die verschiedensten Interessensgruppen, wenn es um die Frage nach Wohnraum ging: Eigentümer wollten ihr Eigentum beziehen, Altmieter wollten bleiben, Ausgebombte mussten untergebracht werden, von den Briten aus ihren Wohnungen und Häusern Verwiesene mussten neue Bleiben finden, Displaced Persons wurden durch die Besatzer einquartiert, Vertriebene drängten in immer größerem Maße in das ausgebombte Hamburg…
Beschlüsse wie dieser drohten vielen. Räumung bei Willy Sievers Iserbrook.
Mit der Aktion „Doppeleiche“ wurde der erste Versuch gemacht, dieser Situation „von oben“ zu begegnen. In einer konzertierten Aktion sollten alle „Flüchtlinge“ erfasst und, solange keine Härtefälle vorlagen, nach Schleswig-Holstein „umquartiert“ werden, man rechnete mit etwa 50 000 Fällen. Habhaft konnte man ihnen leicht werden, wenn man die Kontrollen an den Ausgabestellen des Ernährungsamtes für die Lebensmittelkarten durchführte – hier musste jeder hin. Freilich war man darauf bedacht, nur diejenigen „umzuquartieren“, die für den Wiederaufbau keine unmittelbare Hilfe waren.
Dazu gab es die beigelegte „Liste der zur Zeit wichtigsten Mangelberufe“, auf der die Berufe verzeichnet waren, die dem Einzelnen und seiner Familie den „Befreiungsschein“ von der Umquartierung bringen konnte: Landwirtschaft, Bauwirtschaft, Küchenpersonal, Gesundheitswesen – und handschriftlich im Ortsamt Blankenese ergänzt: „Arbeiter usw., die bei der englischen Regierung beschäftigt werden.“
„Kann der Verbraucher“, so schreibt die Durchführungsverordnung für die Aktion Doppeleiche, „die Befreiungsbescheinigung nicht vorlegen, so darf er auf keinen Fall Lebensmittelkarten erhalten.“ Sie sollten in die entsprechenden Sammellager verwiesen werden, „wo sie Grundverpflegung erhalten“. Auch auf Widerstand stellte sich die Verwaltung ein: „Es ist aber zu erwarten, dass viele von diesen mit Entschuldigungen kommen. Sie werden erklären, dass sie von der Meldepflicht nichts gewusst haben, dass sie krank gewesen seien, dass sie im Arbeitseinsatz stehen oder dergl. Es muss also bei jeder Ausgabestelle ein Beamter der Wohnungsabteilung und mehrere andere Beamte zur Überprüfung anwesend sein.“ An anderer Stelle: „Bei der Ausstellung und bei der Austragung der Umquartierungsanordnungen ist der etwa durch die Umquartierung freiwerdende Wohnraum zu beschlagnahmen.“ Knapper Wohnraum, Sammellager für Flüchtlinge, Verpflegung anstelle eigener Wahl der Geschäfte und Produkte - so es überhaupt etwas gab, Beamte zur Durchführung der Maßnahmen, Abschieben von „Flüchtlingen“ - kennen wir diese Begriffe nicht auch aus der aktuellen Diskussion?
Flüchtlinge kamen von überall. Auch Helgoländer kamen im Juni 1945 in die Elbgemeinden.
Schätzungsweise 250 000 Personen wurden so bis November 1945 erfasst, von denen sich aber über 200 000 als Hamburger im Sinne der Verordnung herausstellten. 43 000 waren auswärtige „Flüchtlinge“, von denen wiederum der größte Teil freigestellt wurde, also Kranke, DPs, Schwangere, Alte, alleinstehende Jugendliche unter 18 Jahren, einen der angegebenen Berufe ausübte oder bei den Besatzungsbehörden tätig war. Keine 9000 Personen kamen nun in Betracht. In der Nähe des Bahnhofs Altona entstanden die genannten Sammellager in ehemaligen Luftschutzbunkern, bis die Flüchtlinge in Sonderzügen und mit Begleitung von Beamten nach Heide, Lunden, St. Michaelisdonn, Meldorf, Tönning und Tating verbracht wurden. Auch hier sollte sich das Lagerleben unter prekären Bedingungen fortsetzen.
In Lunden mussten die Flüchtlinge wochenlang auf Strohsäcken schlafen, Brennstoff war knapp, Schuhe, Medikamente sowieso. Gewünscht waren die Flüchtlinge nirgendwo. Es war daher auch kein Wunder, dass die Hamburger Behörden die Aktion Doppeleiche bald wieder einstellten. „Wie zu erwarten“, stellte der Einquartierungsstab am 10. Dezember 1945 fest, „haben fast sämtliche einberufenen Personen Einspruch gegen ihre Evakuierung erhoben.“ Auch in Schleswig-Holstein drängte man auch Abbruch, denn Probleme wie Brennstoffmangel wurden letztendlich nur verlagert, nicht gelöst.
Dr. Jan Kurz