Schwere Sorgen
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden X
Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Lageplan der Behelfsheime in Sülldorf. Foto: STA HH 445-2 II-588
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden - Teil 10
In dieser Folge geht um die „Schwere Sorgen verursacht der Kohlenmangel“ in den Elbvororten.
Schwere Sorgen verursacht der Kohlenmangel
„Tagesmeldungen der Polizei, 4.11.1945, 9:00 Uhr, 36. Pol.-Revier meldet: Im Revierbereich – Davidstraße und auf der Reeperbahn – sind kleine Zettel mit folgendem Inhalt angebracht: ‚Achtung! Achtung! Kameraden. Warum müssen wir im Winter frieren? England und seine Verbündeten schaffen unsere Kohle ins Ausland, um Ware einzutauschen. Unsere Kameraden im Ruhrgebiet fördern genügend Kohlen, damit wir im Winter nicht zu frieren brauchen. Nur die ganze Kohle kommt nach Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich. Diese habe ja den Krieg mit gewonnen und dürfen nicht frieren. Uns haben sie aber von der Nazipest befreit und dafür dürfen wir im Winter hungern und frieren. Nennen das die Herren menschlich gehandelt? Es gibt eine andere Antwort darauf. Doch ein jeder Deutscher kann einen großen Teil dazu beitragen, um diesen Zustand zu mildern. Die meisten Kameraden denken nur nicht weiter, sondern leben in einem Traumzustand, der vielen von uns Kameraden zum Verhängnis werden kann. Darum Kameraden erwachet und helft mit am Aufbau unseres zerschlagenen und aus vielen Wunden blutenden Deutschlands.‘ Zettelkleber nicht festgestellt. – Sämtliche Zettel sind entfernt. – Scharfe Fahndung empfohlen. –“ (STA HH 331-1 II_192)
Spätestens mit Ende des Sommers 1945 war den meisten Verantwortlichen in den Militär- und Zivilverwaltungen in Hamburg klar, dass der kommende Winter hart werden würde. Die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit dem nötigsten war kaum sicherzustellen in einem Land, dass sechs Jahre Kriegswirtschaft hinter sich hatte. Zumal die Ausbeutung der besetzten Gebiete, die zu einem erheblichen Zufluss von Nahrungs- und Genussmitteln nach Deutschland geführt hatten, nun nicht mehr stattfand. Entsprechend angespannt war die Stimmungslage, wie sie uns aus den Berichten der Polizei im Herbst 1945 entgegenschlägt. Keiner wusste, was passieren konnte; in welche Richtung sich das „Volk“ bewegen wird. So liest man am 15. September:
„Auch Volksmassen unterliegen dem Trägheitsgesetz. Aber gerade das Unwägbare wirkt häufig auflockernd. Trotzdem werden die Regungen der Massenseele nicht allein von Tagesfragen beeinflusst. Sie bewegen sich auf größeren Wellenlängen. Und keineswegs ist es leicht abzuschätzen, welcher Punkt der Wellenlinie erreicht ist und wie etwa das Volk sich verhalten wird, wenn politische Parteien ihm heute Programme unterbreiten: ablehnend, abwertend oder zupackend. (Interesse weckt hier vor allem) die KPD, die bisher immer noch ihre eigenen Wege ging.
Nissenhütten als Winterquartier nicht geeignet. Foto: STA HH 131-1 II_2619
Die Bevölkerung ist zwar äußerlich ruhig, vor allem in Hamburg, aber infolge der mangelhaften Ernährung und der Sorge um die Zukunft auch reizbar… Große Teile der Bevölkerung sind also ‚politisches Treibholz‘, und es kann nicht ausbleiben, daß sie die heutigen Zustände auch mit den gestrigen vergleichen und dabei der stillen Nazipropaganda ausgesetzt sind. Schwere Sorgen verursacht der Kohlenmangel. Wenn auch die versprochenen Holzlieferungen dankbar quittiert werden, so weiß man doch, daß wir ohne Kohlen den Winter nur mit schweren gesundheitlichen und materiellen Schädigungen durchmessen werden und daß dann aus der reizbaren Stimmung der Bevölkerung heraus auch Unruhen entstehen können.
Der Mangel an Obst, Gemüse und Kartoffeln erzeugt nachgerade eine regelrechte Verbitterung. Allen Bemühungen zum Trotz, den unmittelbaren Verkehr zwischen Erzeuger und Verbraucher zu unterbinden, ist eine Besserung der Versorgungslage nicht festzustellen… Die Schwärme hungernder Frauen und Kinder, die jetzt täglich hinausfahren, um sich aus den abgeernteten Kartoffelfeldern in mühseliger Arbeit noch zwei und drei Pfund Kartoffeln herauszubuddeln, sind bezeichnend für die Ernährungslage.
Die Versorgungslage ist auch auf vielen anderen Gebieten besorgniserregend schlecht. Die Kinder haben keine Schule, Flüchtlinge keine Unterkleidung, entlassene Soldaten keinen Mantel, es fehlt an Bettwäsche, an wollenem Unterzeug, an Seife… Viele Verbrauchsgüter werden auch künstlich verknappt und erscheinen dafür zu Wucherpreisen auf dem schwarzen Markt. Dort findet man den Süßstoff, die Steichhölzer, die Rasierklingen und Scheuertücher, die im Einzelhandel fehlen. Dieser Markt ist erschütternder Ausdruck der um sich greifenden Demoralisation… Die Raumbewirtschaftung, die durch den starken Zuzug im Juni ungeheuer erschwert worden ist, wird angesichts des kommenden Winters vor neue schwere Probleme gestellt, da überdies die Beschlagnahme der Baumaterialien die Selbsthilfe gelähmt hat. Hemmungen ergeben sich auch durch die Bürokraten... Die Angst vor Krankheiten und etwaigen Epidemien im Hinblick auf den bevorstehenden Winter löst in vielen Familien Angstpsychosen aus.“
Natürlich blieben Verwaltung und Militärbehörden nicht untätig. In bleibender Erinnerung geblieben sind dabei vor allem die Nissenhütten, von denen ab Ende 1945 einige Tausend in der Stadt errichtet wurden. Zwar schienen diese, wie das Bürgermeisteramt den britischen Behörden gegenüber argumentierte, nicht für den Winter geeignet. Besseren Schutz als Zeltlager boten sie aber allemal.
Behelfsheime am Elbufer bei Rissen. Foto: STA HH 720-1 343-1_00010526
Ursprünglich waren 3000 Hütten geplant. Bis Mitte November standen tatsächlich 2250 Hütten, die 40 000 Menschen Platz boten. Einige Hundert davon waren in zwei Lagern in den Elbgemeinden, in der Jenischstraße und am Iserbrookweg untergebracht. Ergänzt wurden die Nissenhütten durch verschiedene andere Lagertypen, in denen Baracken standen, oder Bunker zur Unterbringung dienten. Bis in die 1970er Jahre hinein bestand so offensichtlich in Sülldorf ein Lager am Feldweg 63 und 64. Hier hatten sich „teilweise seit 1945“ Flüchtlinge in den Bauten einer ehemaligen Flakstellung eingerichtet. Auch am Elbufer in Rissen entstanden bald Holzbaracken, wie zumindest ein Foto im Staatsarchiv nachweist.
Schwerer als die rationierten Nahrungsmittel wog im kalten Winter 1945/46 zunächst der Umstand, dass es an Heizmitteln überall fehlte. Verschiedene Polizeireviere meldeten in ihren Tagesberichten die Plünderungen von Kohlezügen. Es ist insofern auch bezeichnend, was bei einer Razzia am 17.11.45 an der Neumühlener Landungsbrücke von der Wasserschutzpolizei gefunden wurde: „Kontrolliert wurden: 18 Dampfer mit 1200 Personen. Ergebnis der Kontrolle: 1 Person festgenommen wegen Verdacht des Diebstahls, 24 Personen wegen Schwarzhandels mit Obst zur Anzeige gebracht. Beschlagnahmt wurden: 1500 kg Holz, 80 kg Kohlen, 30 kg Obst, 1 Kanister mit 3 l Petroleum, 15 kg Weizen, 45 kg Kartoffeln und 5 kg Gummiabfälle.“
Beunruhigend nahm die Polizei jede Tat auf und prüfte immer akribisch einen möglichen politischen Hintergrund. Denn wie schnell konnte die Stimmung in der Bevölkerung umschlagen und in Widerstand gegen die Besatzungsmächte münden. „Die Angst vor dem Winter ist derart groß, daß die Masse der Bevölkerung ernstlich glaubt, daß bis zum Frühjahr Millionen von Deutschen umkommen.
Die Kürzungen der Zuteilungen Anfang März sorgten für Unruhe. Foto: STA HH 331-2 I_1992
Nach den vorliegenden Stimmen in der Öffentlichkeit ist es wahrscheinlich, daß die Bevölkerung sich hernach der gegebenen Lage aufzulehnen versuchen wird. In Wartezimmern der Ärzte sowie in Straßenbahnen und an sonstigen Orten spricht man in zunehmender Weise ganz offen aus, daß man nicht daran denke zu arbeiten, falls man hungern und frieren müsse.“
Seinen Kumulationspunkt erreichten Unsicherheit auf der einen und Verzweiflung auf der anderen Seite, als es am 1. März 1946 zu einer Kürzung der Lebensmittelrationen kam. Nervös berichtete das Fahndungskommando am Bahnhof Altona am gleichen Tag: „Die Bekanntmachung der Herabsetzung der Lebensmittel hat einen derartigen Schock in der Bevölkerung hervorgerufen, wie kaum eine Nachricht der ganzen sechs Jahre Krieg. Überall, in der Straßenbahn, Hochbahn, Vorortbahn usw., das gleiche Thema. Ein überwiegender Teil spricht schon jetzt schon offen davon, hätten wir nur wieder den Nationalsozialismus. Einzelne gehörte Gesprächsthemen: 1) Die Nazis logen 100%ig, die heutigen 250%ig. 2) Nächsten Monat habt ihr alle mehr Platz in der Bahn, dann steigen nur noch Skelette ein. 3) Unsere Kinder werden dahin siechen. 4) Wir arbeiten nicht mehr, der Streik muß auch bei uns ausbrechen.“
Der Kriminalangestellte Dahl, ebenfalls Fahndungskommando Bahnhof Altona, ergänzt: „Ein großer Teil des Volkes denkt zurück an den Nationalsozialisten, der Rest wünscht sich den Bolschewismus. Verbitterung allenthalben“ Sein Kollege Kathmann gab zu Protokoll: „Man hörte unter anderem, dass nur die Engländer daran schuld seien, die wollten uns nur hungern lassen. Hoffentlich kommen die Russen bald, die uns besser unterstützen werden.“ Schwärzeste Befürchtungen tauchten auch in den internen Meldungen der Polizei an diesem Tag auf: „Gewalttätig veranlagte Volksgenossen werden Lebensmittelgeschäfte zu plündern versuchen, so, wie es nach Beendigung des ersten Weltkrieges auch vorgekommen ist. Selbstmorde resignierender Volksgenossen werden täglich und in grösserer Zahl als bisher zu erwarten sein.“ Meisterpolizist Funk hörte in der S-1 Gerede davon, „man solle nur die Gaskammern wieder aufmachen, alles hinein jagen und vernichten, dann wäre wenigstens alles fort.“ Anwärter Herrmann stellte am 2. März 1946 besorgt fest, dass „durch die Erregung die sachlichen und ruhigen Stimmen unterdrückt werden.“ Man ginge eher davon aus, dass „noch nicht genügend Menschen gestorben seien, daß noch mehr Deutsche ums Leben kommen sollten, da wir noch zu viele seien.“ Oder, wie sich den Protokollen nach eine Frau ausdrückte: „Es kommt die Ausrottung, die Hitler prophezeit hat.“
Hunger und Frost führten in Hamburg 1945/46 nicht zur politischen Radikalisierung. Foto: STA HH 331-2 I_1992
Insgesamt, so fasste der Polizeibericht des Kriminalamtes am 4. März 1946 zusammen, waren fast die Hälfte der Dutzenden von Berichten, die ausgewertet wurden, eindeutig gegen die englische Militärregierung gerichtet. Ebenso viele Unzufriedene betrachteten die Kürzungen als gezielten Racheakt der Alliierten. Nahe zwei Drittel der ausgewerteten Äußerungen gingen dahin, dass die Anwendung von Gewalt zur Beschaffung von Lebensmitteln für die eigene Familie als legitim betrachtet wurde.
So schwankend die Stimmung in diesem ersten schweren Nachkriegswinter war, der offene Aufstand blieb aus – zum Glück. Und auch eine mögliche politische Radikalisierung gab es nicht, wie das Hamburger Kriminalamt im Mai 1946 konstatierte: „Aus den vorgelegten Berichten ergeben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass die gegenwärtige Ernährungskrise zu politischen Machenschaften gegen die Militärregierung ausgenutzt wird.“ Sollte sich hier schon abzeichnen, dass die Deutschen den Extremen abgeschworen hatten?
Dr. Jan Kurz