„Würdig“ oder „würdelos“
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden VII
Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Briten bei Sagebiehls 1945. Archiv Förderkreis Historisches Blankenese
Die Nachkriegszeit in den Elbgemeinden - Teil 7
In dieser Folge geht um „Würdelose deutsche Frauen und Mädchen“ in den Elbvororten.
„Würdelos benehmen sich manche deutsche Frauen und Mädchen”
Zitate wie dieses sind auf mehrfache Weise lesbar: Einerseits zeigt es uns, dass sich „mache deutsche Frauen und Mädchen“ in den Wochen und Monaten nach der bedingungslosen Kapitulation anders verhielten, als sie es eventuell vorher getan hatten. Andererseits wertet der Autor des Zitats dieses mögliche Verhalten negativ, betrachtet es als für „deutsche Frauen und Mädchen“ nicht würdig, wobei der Autor selber zu definieren scheint, was „würdig“ und was „würdelos“ ist. Da es sich um einen Autor, männlich, handelt, der über „Frauen und Mädchen“ urteilt, sind wir mit diesem Zitat von Johannes Kröger aus dem Juni 1945 mitten im hochaktuellen Forschungsfeld der Gender Studies.

Die britische Meinung über den Umgang mit deutschen Frauen. (Quelle National Archives FO 1014-471)
Die französische Philosophin Simone de Beauvoir hatte mit ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ bereits 1949 die erste Studie vorgelegt, in der die Geschlechter, deren Unterschiede und die Konstruktionen derselben sozialwissenschaftlich untersucht wurden. Damit legte sie die Grundlage für die Gender Studies, die sich in Deutschland aber erst Ende ab der 1970er Jahre entwickelten. Eine vergleichsweise junge Forschungsrichtung also, der es unter anderem darauf ankommt zu untersuchen, wie Weiblichkeit und Männlichkeit in der Geschichte konstruiert wurden und was diese Konstruktionen wiederum über die betreffende Gesellschaft und ihre Akteure aussagen.
Klingt etwas sperrig, ist aber umso wichtiger, um historische und aktuelle Sachverhalte verstehen zu können. Johannes Kröger ging es bei seinem Zitat, Sie ahnen es, darum, wie sich „deutsche Frauen und Mädchen“ gegenüber den zumeist britischen Besatzungstruppen verhielten. Genauer wird er im folgenden Zitat: „Am Strandweg finden bei Ostermann gelegentlich englische Militärkonzerte statt. Frauen und Mädchen stehen umher, hören es sich an und klatschen Beifall. In den Hamburger Vergnügungsstätten findet man viele junge deutsche Mädchen, die sich von den Engländern einladen lassen.“ Ein in Krögers Augen würdeloses Verhalten, sich von den Siegern einladen zu lassen, was zunächst eher mehr über seinen konservativ-nationalistischen Standpunkt verrät als über den Sachverhalt an sich. Betrachtet man diesen unter der Prämisse einer nach den langen Kriegsjahren und NS-Terror wiedergefundenen
Freiheit zu selbstbestimmtem Handeln, ist von Würdelosigkeit nicht mehr zu sprechen. Kein Wort verliert Kröger übrigens über männliche Jugendliche wie Peter Schmidt, die sich ebenso den neuen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung widmeten, nicht nur „Militärkonzerten“ lauschten, sondern zu Jazz und Swing tanzten. Auch das verweist auf Krögers – und nicht nur seine – Einstellung gegenüber „deutschen Frauen und Mädchen“, über deren Sittlichkeit und Moral immer noch die patriarchalische Gesellschaft, vulgo: Männer, zu wachen hatten.

Die britischen Besatzer beobachteten genau, was in der Presse geschah. (Übersetzung des Artikels)
Tatsächlich war das Zusammentreffen deutscher Frauen und britischer Männer unausweichlich. Ob aus Interesse oder aus Not, die nicht geleugnet werden kann, fest steht zumindest, dass in der jüngeren Generation der deutschen Gesellschaft ein massives Ungleichgewicht bestand zwischen der Anzahl von Männern und Frauen: Gerade junge Männer waren mehr eingezogen und im Krieg gestorben, beziehungsweise noch in Gefangenschaft. So lag der „Frauenüberschuss, beziehungsweise Männermangel“, wie sich die Historikerin Freund-Widder ausdrückt, bei den 20 bis 40-jährigen besonders hoch. 1946 kamen in den Westzonen 167 Frauen bei den 20 bis 30-jährigen und 151 Frauen bei den 30 bis 40-jährigen auf jeweils nur 100 Männer. In Hamburg kamen bei den 20 bis 25-jährigen 160 Frauen auf 100 Männer.
Gerüchte und reale Geschichten von Diebstählen und Plünderungen, beschlagnahmte Häuser und Wohnungen machten zwar wochenlang die Runde, sie scheinen aber nicht ausgereicht zu haben, um das Bild der Besatzer entscheidend zu verschlechtern, um aus der anerkannten Niederlage Stoff für neuen Revanchismus zu schmieden. Aus den Tagesmeldungen der Hamburger Polizei geht diesbezüglich hervor, dass die Zusammenarbeit mit den britischen Kollegen der Militärpolizei von Anfang an funktionierte. Sobald eine Straftat angezeigt wurde, in die Angehörige der Besatzungstruppen involviert waren, schaltete sich die Militärpolizei ein und verfolgte die Fälle.
Die deutsche Seite hingegen, hier in Gestalt der amtlichen Fürsorgerin Elfriede Mehliß, sah dagegen das Hauptproblem im, wie sie in einem Bericht an das Ortsamt Blankenese schrieb, „Absinken der sittlichen Haltung der Bevölkerung“, welches sich „in würdelosem Benehmen von Frauen und Mädchen der Besatzungstruppe gegenüber“ zeige. Diesem würde, so Mehliß weiter, „sogar vielfach durch die eigenen Männer, um zu Rauchwaren zu gelangen, Vorschub geleistet.“ (Sta HH 351-10 I_VG 30 69 Bd III) Von einer diesbezüglichen „Verwahrlosung der Belegschaft“ in einem Flüchtlingslager in den Elbgemeinden ist im gleichen Bericht zu lesen, wie über die hygienisch schwierigen Bedingungen im Flüchtlingslager Iserbrook. Letzteres wahrscheinlich eine Tatsachenbeschreibung, zuvor genanntes vorsichtiger einzuordnen, da die berichtende Frau Mehliß bereits vor dem Krieg lange Jahre und unter entsprechenden Vorstellungen von „Volksgesundheit“ tätig war und Flüchtlingen, hier besonders alleinstehenden Frauen, durch die Sozialfürsorge fast automatisch Prostitution unterstellt wurde.

Sorgte für Unruhe in der Hamburger Bevölkerung. Artikel in der Hamburger Volkszeitung vom 3. August 1946.
Doch auch das „Abgleiten der an sich in geordneten Verhältnissen lebenden Frauen“ wie in der Steenkamp-Siedlung wurde vermerkt. „Mit Beziehungen“, so urteilt die Historikerin Freund-Widder weiter, „verbanden die Fürsorgerinnen jedoch automatisch sexuelle Aktivitäten oder sogar Prostitution. Der Wunsch nach weiblicher Gesellschaft und Liebe kam den Fürsorgerinnen nicht in den Sinn.“
Auch Johannes Kröger machte in seinen Aufzeichnungen keinen Hehl daraus, was seine Meinung zu den Kontakten zwischen deutschen Frauen und englischen Soldaten war: „Kürzlich erging es ihnen“, er meinte die deutschen Frauen, „recht schlimm, aber verdient. Als mit 10.15 Uhr die Stunde des abendlichen Ausgehverbots herankam, wollten sie nach Hause. Die englischen Soldaten sagten, sie ihnen aber, sie brauchten sich keine Sorgen zu machen. Sie würden sie in ihren Autos nach Hause fahren. Daraufhin blieben die Mädchen. Plötzlich erschien eine englische Streife, liess die Mädchen in Autos bringen und eine Nacht im Gefängnis verleben. Am nächsten Morgen wurden sie auf Lastkraftwagen gesetzt, ihnen die Röcke hochgebunden und durch die Stadt gefahren. Das Auto mit dem Spruch versehen: „‚Deutsche Männer, deutsche Treue, deutsche Frauen, deutsche Säue.‘“ Wie bereits an anderer Stelle in seinen Aufzeichnungen scheint Kröger meiner Meinung nach hier einem Gerücht aufgesessen zu sein.
Von Razzien und Transporten ins Krankenhaus, wie sie Ruth Brandt zu Protokoll gegeben hat, sind viele Quellen überliefert. Die ersten Ausgaben der Hamburger Volkszeitung, berichteten auch noch 1946 verschiedentlich von „Jagt auf Frauen“. Die Schilderungen von Ruth Brandt landeten sogar beim Hamburger Bürgermeister und über diesen beim britischen Town Major, der es untersuchen ließ. Soweit die Aktenlage es hergibt, sind hier Fälle wie der von Kröger beschriebene nicht bekannt geworden, was ungewöhnlich wäre. Vielmehr scheint hier alte Greuel-Propaganda durchzudringen. Die gezeigten Moralvorstellungen darüber, wie sich „deutsche Frauen und Mädchen“ zu verhalten hatten, sollten noch über viele Jahrzehnte hinweg in den Köpfen vieler Deutscher verhaftet bleiben - jedoch mit abnehmender Tendenz.
Bereits in einer Umfrage der Zeitschrift Constanze von 1948/49 gaben 61 Prozent der Befragten, dass die numerisch „überzähligen“ Frauen das Recht auf eine frei gewählte Beziehung haben sollten, nur noch 29 Prozent fanden dies „unmoralisch“. Auch hier zeigte sich, dass große Teile der deutschen Bevölkerung dazu bereit waren, mit der eigenen Tradition zu brechen und auch Frauen mehr Recht auf eigenverantwortliches Handeln zuzugestehen. Der Weg zur Gleichberechtigung war aber noch weit.
Dr. Jan Kurz
