Der Rissener - Elbflair media GmbH

„Heimatfront“

Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden XX

Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Merkblatt für das Verhalten im Dritten Reich. Foto: Archiv


facebook sharing button
twitter sharing button
whatsapp sharing button
email sharing button

Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden, Teil 20

In dieser Folge geht um den „Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge“ in den Elbvororten.


„Wo bist Du gewesen in Rußland? Wo ist die Front?“

Volker Detlef Heydorn erinnerte sich 1971 in einem Artikel des Blankeneser Bürgervereins an Fragen wie diese, die ihm 1943 bei einem Spaziergang im Klövensteen von einer Gruppe junger Frauen gestellt wurden, die – bewacht – ebenfalls dort einen Spaziergang machten. Es handelte sich ohne Frage, so erinnert Heydorn, um „Ostarbeiterinnen“, eine genuine Bezeichnung im Dritten Reich für Arbeitskräfte nichtdeutscher Volkszugehörigkeit aus den besetzten Gebieten im Osten des Reichs. Auch ihre Geschichte, die Geschichte der Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, ist Teil der „Heimatfront“ in den Elbgemeinden.


Die Zahlen divergieren, vielleicht zehn, vielleicht mehr als 13 Millionen Menschen wurden im Verlauf des Krieges in Deutschland als zivile Arbeitskräfte, Kriegsgefangene oder Häftlinge mehr oder weniger freiwillig eingesetzt, um die fehlenden Männer zu ersetzen. Denn es waren nicht nur „die Frauen“, wie Heiner Fossek 2007 in genanntem Mitteilungsblatt 2007 schreibt, die nun „in der Backstube“ - hier bei Bäcker Körner - standen, weil „immer mehr Männer zum Wehrdienst eingezogen“ wurden. In Hamburg geht man von 500 000 Fremd- oder Zwangsarbeitern aus, wie die Historikerin Friederike Littmann herausgearbeitet hat. In mehr als 1300 Lagern untergebracht, bei mehr als 1000 Unternehmen in der Wirtschaft eingesetzt, kommen dazu noch die ungezählten Kräfte in Privathaushalten und auf Bauernhöfen. Genauere Zahlen werden sich kaum erschließen lassen. Wie viele mögen es im Hamburger Westen gewesen sein?

Abzeichen der so genannten Ostarbeiter, das diese an ihrer Kleidung zu tragen hatten. Foto: Archiv

Auch auf diese Frage lässt sich seriös keine Antwort geben. Vermutungen seien dahingehend erlaubt, dass sich gegen Kriegsende ihre Zahl in einem mittleren vierstelligen Bereich bewegt haben könnte. Anhaltspunkte geben die Lager, in denen Zwangsarbeiter untergebracht waren: In Wedel, wo die Geschichte der Zwangsarbeiter mustergültig aufgearbeitet wurde, gab es Barackenlager, aus denen im April 650 Zwangsarbeiter evakuiert wurden. Mitten im Blankeneser Treppenviertel, Blankeneser Hauptstraße 95, gab es mit dem ehemaligen „Krögers Hotel“ spätestens seit Juni 1941 eine Lagereinrichtung - „DAF-Lager Kröger“, die Platz für 250 bis 400 Personen bot, je nach Quellenlage. Groß Flottbek hatte „sein“ Lager mit neun Baracken und ständig 290 bis 310 Insassen, „Südslaven, Dänen, Holländer, Belgier, Ukrainer, Franzosen, Italiener, Polen“, wie der ehemalige „Luftschutzsachbearbeiter mit Sonderfunktionen“, Pfennigstor, vom 93. Polizeirevier später zu Protokoll gab.

Dazu kam an der Baron Voght Straße 179, dem heutigen Landhaus Flottbek, mit dem bekannten Restaurant „Hygge“, ein Kriegsgefangenenlager mit 30 russischen Insassen, sowie ein Frauenlager an der heutigen Notkestraße, mit 13 Baracken und ständig etwa 250 Ukrainerinnen, Lettinnen und Französinnen in der Belegung. In diesem Falle handelte es sich um das Lager der Firma Conz-Elektrizität GmbH aus Altona, die rüstungsnah arbeitete. An der Flottbeker Chaussee 100 befand sich dazu noch ein Kriegsgefangenenlager mit bis zu 3000 Insassen, Franzosen und Belgier.


Auch in Rissen bestand ein vergleichsweise kleines Lager für „französische und jugoslawische“ Kriegsgefangene, lediglich 32 Mann, das sich in einer ehemaligen Gaststätte befand. In Lurup sind ein KZ-Außenlager für 200 Frauen, sowie ein Reichsbahn-Arbeitslager für 800 Insassen aktenkundig. Weitere Lager für Unternehmen, die „Barackenlager benötigen“, sind auch aus Osdorf bekannt. Auch am Iserbrooker Weg 11 stand ein Barackenlager für französische und polnische Kriegsgefangene. Listen der AOK verraten weitere Namen und Adressen von Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern, die in Kleinbetrieben oder offensichtlich privaten Haushalten eingesetzt wurden und hier auch untergebracht waren. Als Beispiel sei nur genannt Nikolay Chokalow, der mit gerade 14 Jahren in der Waldschänke Rissen arbeiten musste. Weitere Adressen finden sich in Nienstedten, Groß Flottbek, Osdorf und Iserbrook.


Die Landwirtschaft war auch der erste Wirtschaftszweig, in dem ausländische Zwangsarbeitskräfte eingesetzt wurden. Das wundert nicht, denn die Erntesaison war in vollem Gange. Bereits am 18. September 1939, keine drei Wochen nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, berichteten die Norddeutschen Nachrichten darüber, dass „eine Anzahl von Betrieben die Zuweisung polnischer Kriegsgefangener als Ersatz für fehlende Arbeitskräfte beantragt“ hätte. Sollten dem Artikel zufolge Kriegsgefangene „zunächst lediglich in der Landwirtschaft zum Einsatz gelangen“, weshalb Anträge aus anderen Betrieben „zwecklos“ seien, so hieß es nur vier Tage später, dass „Gesuche um Zuweisung von Kriegsgefangenen nunmehr auch in der Industrie“ möglich seien und an das Arbeitsamt gerichtet werden könnten. „Von Gesuchen an die Dienststellen der Wehrmacht ist Abstand zu nehmen.“ Und auch im Hamburger Westen wurde rege Gebrauch angemeldet. Wolf Müller hat für die Geschichtswerkstatt Lurup die Zwangsarbeiter eindrucksvoll recherchiert, die in Sülldorf tätig waren:

Nr.  Adresse des Betriebes

Hofeigentümer                     Az. Ausländer

1      Sülldorfer Kirchenweg 198

Ernst von Appen                    1

2      Sülldorfer Kirchenweg 201

Wilhelm Eggerstedt           2

3      Sülldorfer Kirchenweg 209 - 213

Hermann Timmermann  -

4      Sülldorfer Kirchenweg 218

Emma Ramcke                       5

5      Sülldorfer Kirchenweg 219

Wilhelm Ladiges                  10

6      Sülldorfer Kirchenweg 224

Johannes Ramcke                -

7      Sülldorfer Kirchenweg 237

Wilhelm Timmermann   4

8      Sülldorfer Kirchenweg 242

Hermann Glißmann          2

9      Sülldorfer Kirchenweg 258

Wilhelm Gerkens                11

10    Sülldorfer Kirchenweg 259

Hinrich Behrmann               1

11     Sülldorfer Kirchenweg 262

Wilhelm Ellerbrock            4-5

12     Sülldorfer Kirchenweg 274

Wilhelm Ellerbrock            4

13     Lehmkuhlenweg 3

Wilhelm Ramcke                 8

14    Lehmkuhlenweg 9

Benni von Appen                  2

15    Schlankweg 19

Auguste Ramcke                   -

16   Ohlnhof 2    

Hinrich Timmermann       1

17   Op`n Hainholt 113  

Hinrich Ramcke                     3

18   Bullenwisch 100

Hugo Butze                              2

 

Auch Zwangsarbeiter mussten bei der AOK angemeldet sein. Foto: Archiv

Über die Arbeitsämter sollte im weiteren Verlauf des Krieges auch der Einsatz westeuropäischer Kriegsgefangener koordiniert werden, die indes weniger in der Landwirtschaft eingesetzt wurden. Eigeninitiativen von Unternehmen aus den Elbgemeinden zur direkten Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, wie anderenorts geschehen, sind bisher nicht nachweisbar.

Wie sich die Arbeitsbedingungen gestalteten, darüber können kaum generelle Aussagen gemacht werden. Vergessen werden darf dabei nie, dass die wenigsten Menschen freiwillig zur Arbeit in die Elbgemeinden gekommen waren. Je nach Art des Lagers variierten die dortigen Lebensumstände. Teilweise waren die Insassen in zivil gekleidet, teilweise behielten sie ihre Uniformen an, teilweise wurden alle Lagerinsassen zu bestimmten Zeiten geweckt, teilweise geschah dieses nach Art ihrer Arbeit. Einige Lager waren durch die Wehrmacht, Polizei oder „unbewaffnete Nachtwächter, Zivilisten“ bewacht, andere wiederum nicht. Manche durften den Weg zur Arbeit alleine gehen, andere wurden in Gruppen und bewacht gebracht – alle diese Aussagen sind indes nach 1945 durch ehemalige Aufsichtspersonen entstanden und mit entsprechender Vorsicht zu genießen.


Für Sülldorf hat Wolf Müller recherchiert, dass einige Fremdarbeiter nach Kriegsende noch blieben und auch später der Kontakt nicht abbrach. Wie auch die durch die Hamburger Justiz im Dritten Reich immer wieder geahndeten Fälle von illegalen Kontakten der deutschen Bevölkerung mit den Zwangsarbeitern, von Brot-, Mehl- oder Zigarettengeschenken, zeigt dies eine Menschlichkeit, die die Nationalsozialisten nie komplett unterdrücken konnten.   

Dr. Jan Kurz

Vielleicht auch Interessant

facebook sharing button
instagram sharing button
youtube sharing button