Der Alltag von Jugendlichen
Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden XVII
Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Akribisch wurde jeder Luftangriff im Reichssicherheitshauptamt in Berlin zusammengetragen. Foto: Archiv
Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden, Teil 17
In dieser Folge geht um den „Alltag von Jugendlichen 1944“ in den Elbvororten.
Zwei Tage im Leben von Peter Schmidt
Wie der Alltag 1944 von Jugendlichen in dieser Zeit wahrgenommen wurde, darüber berichtet Zeitreisender Dr. Jan Kurz in dieser Folge anhand von Tagebuchaufzeichnungen von Peter Schmidt.
18.6. - Sonntag!
- 8.30 Es ist ÖLW!
Über Nordholland Kampf- und Jagdverbände und über der Nordsee. - 8.45 Fliegeralarm!
- 8.45 Der vorderste Kampfverband bei Cuxhaven, die anderen nördl. davon.
- 8.55 Ein Kampfverband bei Itzehoe mit SO Kurs.
- 9.00 Kampfflugzeuge fliegen in das Stadtgebiet ein. Es schießt.
- 10.45 Es ist vor kurzem vorentwarnt worden!
Schreckliche Augenblicke liegen hinter uns. 18 Stunden ununterbrochenes krachen, Sausen und Brummen. Wir hatten uns im Keller auf die Erde gesetzt. Jeder hatte eine Schachtel Streichhölzer bereit. In 5 Wellen griffen die Amerikaner an. Dann war hindauerndes, minutenlanges Krachen zu hören, der Luftdruck bohrte wie Fäuste in den Ohren, die Türen im Haus schlugen hin und her und der Boden zitterte wie beim Erdbeben. In Richtung Harburg ist alles in Qualm gehüllt. Der Qualm zieht nach Westen südlich an uns vorbei. Es muß ein sehr schwerer Angriff gewesen sein. Hoffentlich wiederholt es sich nicht. - 10.50 Entwarnung!
Endlich, der Schrecken ist glücklich überstanden. Bis auf eine Untertasse ist alles heil bei uns! Der Petroleumhafen brennt, die innere Stadt scheint auch zu brennen. Ab und zu ist der Michel und noch eine Kirche, wahrscheinlich die Nicolaikirche, aus dem Qualm zu sehen. Hamburg ist wiederum schwer getroffen. Es sind dauernd schwere Explosionen zu hören. Dies ist der Erfolg der „Vergeltung“! Seit Freitag wird Südengland und London mit Raketenflugzeugen bombardiert. Das wird aber nicht so schlimm sein.
- 11.50 Eben war wieder eine furchtbare Explosion. Die Scheiben klirrten und man spürte den Luftdruck.
- 12.10 Immer noch fast ununterbrochene Explosion.
- 13.50 Der Brand im Petroleumhafen wird schwächer. Die Explosionen, die manchmal in dauernder Reihe kamen, wurden schwächer.
- 15.13 Es ist jetzt wieder eine Kette starker Explosionen zu hören. Es soll ein Munitionsschiff sein. In der Innenstadt und in den Werftanlagen und im Petroleumhafen brennt es noch. Der Petri-, Nicolai- und Rathausturm steht noch. Von dem Jacobiturm ist nichts zu sehen, er wird durch Qualm verdeckt. Großmutters Wohnung ist durch eine Luftmine zerstört. Das Haus steht aber. Heute Nacht war auch Fliegeralarm. Berlin wurde von Einzelflugzeugen angegriffen. Das Gas geht nicht, wir kochen wieder auf dem Ofen.
- 20.50 Ich gehe jetzt ins Bett. Hoffentlich ist heute Nacht Ruhe. Es knallt immer noch. Onkel Erich erzählt, daß ein Schiff mit Munition, ein Tankdampfer und hunderte Munitionswagons brennen. Dadurch die Explosionen.
20.6. - Dienstag
- 7.35 ÖLW!
- 7.55 Fliegeralarm!
- Die zuerst eingeflogenen Verbände sind, nachdem sie sich längere Zeit in der Nähe Hamburgs aufhielten, in Richtung Osten weitergeflogen. Noch Teilverbände nördl. und westl. der Stadt.
- 10.00 Das Schießen ist vorbei. Die Kampfflugzeuge sind vom Osten wieder zurückgekehrt und haben Hamburg angegriffen. Es hat wieder sehr gekracht. Der Südosten ist ganz voll Qualm, auch brennt es im Petroleumhaven.
- 10.05 ÖLW!
- Im Hafen brennt es auch furchtbar, es muß sehr viel Öl brennen.
- 12.15 Entwarnung!
Ich war morgens nach Teufelsbrücke gefahren. Fast der ganze Petroleumhaven brennt. Am Sonntag wurde auch Hannover, Bremen und Bremervörde angegriffen.
- Heute sind noch Treibstofflager in Cuxhaven und Brunsbüttel angegriffen. Hauptsächlich sind in Hamburg welche angegriffen. Der Einflug verlief heute morgen folgendermaßen: Kampfverbände flogen in die Elbmündung, südlich Hamburg dann vorbei nach Osten bis 25-30 Min. Entfernt, währenddessen flogen starke Verbände in den Raum Schleswig ein und noch neue in die Elbmündung, dann machten die Verbände im Osten kehrt und flogen in die Stadt von Hamburg, die Verbände im Norden flogen teilweise weiter nach Stettin und teilweise flogen sie die Stadt von Norden an, und die Verbände in der Elbmündung flogen dann von Westen ein. Zuerst kamen die vom Westen, dann von Norden und zuletzt die Masse von Osten.
Wir haben seit dem 22. Februar 116 mal ÖLW und 46 mal Fliegeralarm gehabt! / Das macht durchschnittlich 1 mal ÖLW pro Tag und alle 3 Tage Fliegeralarm!
Kaum eine mir bisher bekannt gewordene Quelle aus den Elbgemeinden spiegelt den Zusammenbruch des zivilen Lebens so wider wie Tagebücher und Briefe, die unmittelbar unter dem Eindruck der Ereignisse geschrieben wurden. Die zwei Tage im Juni 1944, an denen Peter Schmidt die oben zu lesenden Zeilen in seine Kladde schrieb, sind beispielhaft für den eindringlichen Text dieser Zeit. Die zum Teil im Minutentakt aufgeschriebenen Eindrücke und Bemerkungen, frei von ideologischer Verbrämung oder Anklage, rein deskriptiv die wahrgenommenen Fakten aufnehmend, machen deutlich: Da Leben Peters orientierte sich nicht mehr nach dem Ablauf einer „normalen“ Jugend, strukturiert durch Schule, Familie, Freizeitaktivitäten, sondern war bestimmt durch die Warnungen vor möglichen Luftangriffen und tatsächlichen Bombardements. Und, das muss man wissen, auch die Letzteren waren mit Rückkehr der Bomber nach England nicht vorbei, die Gefahr blieb präsent, wie Peter am 31. Juli 1944 lakonisch notiert: „Heute Nacht explodierte irgendwo ein Zeitzünder.“ Oder nur wenige Wochen vorher, am 30. Mai, als er um 1.30 Uhr aus dem Schlaf gerissen wird: „Heute Nacht gegen 1.30 Uhr gab es plötzlich einen furchtbaren Krach. Man spürte richtig den Luftdruck. Im Nordwesten brannte es sehr. Das Feuer blitzte immer wieder hell auf. Noch zwei stärkere Explosionen folgten. Las wir wieder in den Betten waren blitzte es nochmal hell auf. Es waren in der Rissener Kiesgrube Blindgänger, die dort gelagert wurden, explodiert. In Rissen und Sülldorf, an der Rissener- und Sülldorfer Landstraße sind überall die Scheiben und Dächer kaputt.“ Irgendwie so war sie, die Normalität an der Heimatfront in den Elbgemeinden.
Zeichnungen aus dem Tagebuch von Peter Schmidt, 7. Juni 1944
Feindl. Landeköpfe
Gebiet, wo Luftlandetruppen landeten
Vorstöße der Angloamerikaner und Engländer
Feindl. Landeköpfe
Orte, die doppelt unterstrichen sind, sind in Feindeshand
Kartenerklärung: Orte, die unterstrichen sind, bedeuten, dass da Kämpfe stattfinden.
Normalität für einen Schüler sollte auch der Schulbesuch sein.
Jedoch, in den knapp acht Wochen nach offiziellem Schulbeginn am Ende der Sommerferien 1944, notiert Peter 23 mal, dass die Schule nach Luftalarm ganz oder zum Teil ausgefallen ist. Wir können von einem Unterrichtsausfall von 50 Prozent der Zeit ausgehen und notieren dabei, dass auch in der verbleibenden Zeit nur eingeschränkte Möglichkeiten bestanden, denn die Schulen litten zunehmend unter Mangel an Räumlichkeiten und Lehrerpersonal. Auch dies scheint für Peter „normal“ durch die Dauer des Krieges. „13.9. Heute und gestern fielen Latein, Turnen, Mathematik, Erdkunde, Deutsch, Physik und Englisch aus. / 14.9. Heute Nacht war Fliegeralarm. Turnen fiel aus. / 15.9. - Heute Nacht war es ruhig. 10.00 Luftgefahr. Englisch, Deutsch fällt aus. 10.40 ÖLW! Ein Kampfverband in der mittleren Nordsee, im Augenblick Westkurs! 11.00 Entwarnung! 16.9. Heute Nacht war Fliegeralarm! Deutsch, Chemie, Mathematik, Mathematik, Physik fällt aus… 23.10. - Gestern Abend sind zwischen der Gorch-Fock-Schule und der Hardenbergstraße zwei Luftminen gefallen, 1/3 der G.-F.-Schule ist eingestürzt. Ich habe heute aus einem zusammengestürzten Haus Sachen geborgen, die ganze G.-F.-Schule ist baufällig. 3-4 Häuser sind total zerstört.“ Der Krieg nahmen jeden Raum ein, so militärisch sinnlos es auch wurde: „13.10 - Seit dem 11.10 muß ich Schippen. Ich bin beim Falkenstein beim Bau eines Panzergrabens.“
Dominierend daneben noch die Verarbeitung der Berichte von den Fronten in Ost, Süd und West – und dazwischen immer wieder ein Stück „Normalität“, wie am 7. Juni 1944, einen Tag nach dem D-Day in der Normandie: „7.6. - Die Engländer haben bei Caen einen Brückenkopf von 15km Breite und 1 ½ km Tiefe. Ich war nachmittags mit Hans Jürgen zum Rudern. Wir waren bei der Kreuztonne, bei Boje J und K, bei Boje 13 und bei Spiere G.“ Der einzige Satz, den Peter am Vortag in seine Kladde eintrug, eröffnet einen Blick in die Erwartungshaltung der damaligen Tage: „Die Invasion ist da!“ Keine Verwunderung, keine Empörung, keine Überraschung – es war lediglich das eingetreten, worauf viele offenbar schon lange gewartet hatten. Kritische Begrifflichkeiten, mit denen der Schüler zum Teil operierte, lassen keinen Rückschluss auf seine politischen Einstellungen zu, sondern müssen eher als bloße Übernahme aus der medialen Berichterstattung gewertet werden.
Einen Blick in Peters Psyche und die Umstände seiner Tagebuchschreiberei gewährt vielleicht die Eintragung vom 23. Juli 1944. Mit Verspätung registrierte er: „Heute Nacht war es ruhig. / Am 20.7. war ein Attentat auf Hitler. mißglückt!“ Überzeugtere Menschen hätten wohl anders geschrieben, zumal – wie Ihnen bestimmt aufgefallen ist – das Wörtchen „missglückt“ klein geschrieben ist und – was Sie nicht wissen können – eine Lücke vor dem Wörtchen in der Kladde ist, offensichtlich ein Wort herausgeschnitten wurde. „Zum Glück“ hätte wohl stehen bleiben dürfen, andere mögliche Wertungen des Attentats von Claus Schenk Graf von Stauffenberg waren eventuell so eindeutig, dass nicht durchgestrichen, sondern lieber gleich ausgeschnitten wurde. Lakonisch auch der Eintrag am eigenen Geburtstag: „Eben ist ein Angriff vorbei. Es war sehr unangenehm im Keller. In Osdorf sind sehr viel Bomben, hauptsächlich Brandbomben. Auch in Harburg-Wilhelmsburg sind Bomben gefallen. Man sieht die Flammen hochschlagen in nordöstlicher Richtung. Dicke Qualmwolken ziehen darüber. Das ist ein schöner Geburtstag!“
Parallel – und so es die Luftwarnungen zuließen – etablierten sich Freizeit- und Familienleben zum totalen Krieg, wie am 29. Juni 1944: „8.05 ÖLW! / 8.40 Die Spitzen fliegen nach Südosten. Weitere Verbände fliegen über Nordholland ein. 11.05 Entwarnung! / Ich war Montagnachmittag mit Werner Ostermann nach Meierssand zum Baden. Gestern Nachmittag habe ich auch dort gebadet. Heute morgen habe ich gerudert. Cherbourg ist jetzt bis auf einzelne Widerstandsnester von den Engländern besetzt. / 3.7. - Heute Morgen war ich mit Jan und Mutti nach Meyerssand. Jan und ich haben gebadet. / 4.7. - 11.30 ÖLW! 3 Flugzeuge in Alarmkreis. Minsk und Polozk wurden geräumt.“ Und es blieb vielleicht auch keine andere Wahl, als sich in diesen parallelen Leben einzurichten, die doch immer miteinander verbunden blieben, in denen auch das Sterben seinen Platz einnahm: „18.7. - Heute Nacht war Fliegeralarm! Es hat geschossen. / 7.55 ÖLW! / 8.05 Ein Jagdverband in der Elbmündung. Kampfverbände bei Helgoland. 08.10 Fliegeralarm! / 8.30 Von Nordwesten fliegen die Kampfflugzeuge an. Die vordersten erreichen Itzehoe. / 9.30 Vorentwarnung! / Gleich danach sind wir nach Tante Trina gefahren. Als wir beim Seehof waren, fing es an zu schießen. Ein Schiffer fiel ein Meter vor uns auf den Boden. / Entwarnung! / Nachmittags, als Vera, Jan und ich auf Meyerssand waren, kam ÖLW!“
Wie verhält man sich adäquat, wenn man am Strand von Meyerssand in der Sonne liegt und plötzlich die Sirenen hört? Mit einer Mischung aus Spiel und Ernst vielleicht, wie am 16.9. notiert: „Nachmittags war ich und Werner Ostermann auf Meyerssand. Es kam Fliegeralarm. Es schoß auch. Wir waren in unserem Bunker. Ich habe die 3. Ladung Holz mitgebracht.“ Aber wie sicher musste ein Bunker auf Meyerssand gebaut sein, dass er Sicherheit geben konnte? Und wie froh musste Peter dennoch gewesen sein, so einen Unterstand gehabt zu haben und nicht, wie am 26.10.1944 plötzlich „beim Angriff im Wald“ überrascht zu werden. „Die Flugzeuge brummten furchtbar.“
Bilder und wissenschaftliche Analysen können das unmittelbar Erlebte, der Umgang mit dem Ausnahmezustand und zugleich die Gewöhnung an denselben nicht annähernd so gut vermitteln wie die in dem Augenblick verfasste Quelle. Denn so sah die „Normalität“ in den Elbgemeinden am Jahresende 1944 aus: „27.11. - 11.34 ÖLW! / 11.50 Fliegeralarm! / 12.45 Vorentwarnung / 13.15 Entwarnung / ÖLW! / 20.05 Entwarnung! / 20.40 ÖLW! / 21.20 Soeben ist folgender Luftlagebericht gegeben worden: „Es ist wieder ein Einzelflugzeug aufgetaucht! Es befindet sich in 5 Min. Entfernung. Da es in mittlerer Höhe fliegt, glaube ich kaum, daß dieses Einzelflugzeug einen Angriff auf unsere Stadt durchführen wird. (Das würde ein schwerer Angriff!) Im Augenblick hat das Flugzeug Südkurs genommen, also nicht auf unsere Stadt gerichtet. Schluß des Berichtes !!!! Manchmal spricht er auch von „ganz vereinzelten Teilen eines Feindflugzeuges“ !! / 21.30 Entwarnung! / Einige Sirenen gaben Fliegeralarm! / Heute ist sehr schönes Wetter. Der Mond scheint jetzt sehr schön. Ich gehe ins Bett. Gute Nacht.“
Dr. Jan Kurz


