Der Rissener - Elbflair media GmbH

Einbeziehung der gesamten Gesellschaft

Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden XIII

Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Parteipräsenz in Iserbrook. Quelle: Privatarchiv 


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Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden, Teil 13

In dieser Folge geht um„Einbeziehung der gesamten Gesellschaft“ in den Elbvororten.


„Ihr habt die Front in der Heimat zu halten.“

Zugegeben, das Zitat in der Überschrift stammt nicht aus dem Hamburger Westen sondern – ausgerechnet – aus München, genauer aus einem Schreiben der Gauleitung München-Oberbayern vom 11. September 1939 an die Parteiorganisationen vor Ort. Es hätte freilich auch in Altona, in Hamburg oder Berlin formuliert werden können, denn die Botschaft war überall dieselbe: Krieg, hier der Überfall auf Polen, bedeutete theoretisch wie praktisch die Einbeziehung der gesamten Gesellschaft, aufgeteilt in die äußere und die innere Front, letzte bekannt unter dem Begriff der „Heimatfront“. Und wo der NS-Doktrin nach der Soldat an der äußeren Front zu dienen hatte, da hatte der „Partei“-Soldat dieses an der inneren zu tun. Wer als Parteigenosse nicht zur Wehrmacht einberufen wurde, hatte sich mit voller Kraft an der „Heimatfront“ zu engagieren.


Vor einem Jahr schon ist an dieser Stelle ein Bericht über die NSDAP und ihr Aufstieg in den Elbgemeinden zu lesen gewesen. Daran knüpfe ich nun ein Stück weit an, denn die Ortsgruppen (OG) der Partei waren, so resümiert der Historiker Carl Wilhelm Reibel in seiner Arbeit über die Ortsgruppen, „eines der entscheidenden Herrschaftsinstrumente der Hitler-Partei zum Aufbau und Erhalt der Diktatur in Deutschland.“ Dabei hatten sie zwei Funktionen: Innerparteilich bildeten sie den organisatorischen Rahmen zur Einbindung der Anhänger der NSDAP in das NS-Herrschaftssystem, außerparteilich waren sie das Instrument, um die Bevölkerung im Verantwortungsgebiet zu überwachen sowie ideologisch „auf Linie“ zu bringen und zu halten. In mehrfachen Strukturreformen schuf die NSDAP bis 1939 eine zentral lenkbare aber lokal funktionierende Organisation, die dem Anspruch nach in allen gesellschaftlichen Bereichen eingreifen konnte. Dies muss „als eine Grundvoraussetzung für die Durchsetzung des totalitären Machtanspruchs der NSDAP in den Wohngebieten gelten“, so nochmals Reibel. Für die Organisation der „Heimatfront“ war es entscheidend.


Dabei traf der Ausbruch des Kriegs die Ortsgruppen nicht unvorbereitet. Schon in den Vorjahren waren diese zu verschiedenen Anlässen wie dem Spanischen Bürgerkrieg oder der Sudetenkrise reichsweit mobilisiert und auf die neue Situation eingestimmt worden. Am 1. September 1939 wurden dann den Ortsgruppenleitern (OGL) die „Mobilisierungs-Richtlinien“ zugestellt, die erste Anordnungen für den Kriegsfall enthielten. Unter anderem wurde darin den Ortsgruppenleitern die Führungsrolle in den Gemeinden zugeteilt, um hier klare Autoritäten zu verankern. Dementsprechend hatten die OGL umgehend die wichtigsten Persönlichkeiten ihres Verwaltungsbereiches zusammenrufen und diesen politische Ziele vorgeben. Parallel sollten die politischen Leiter und Amtswalter der Ortsgruppen zusammengerufen und auf die neue Situation eingestellt werden. Flankiert wurde diese Mobilmachung durch den Auftrag, mögliche Lücken in der Organisation, entstanden durch Einberufungen zur Wehrmacht, schnell durch geeignete Mitglieder zu ersetzen, um die Funktionsfähigkeit der Ortsgruppen zu erhalten. Was bedeutete das konkret vor Ort?


Die Ortsgruppen in den Elbgemeinden

Anhand einer Liste der NSDAP-Kreisleitung von Groß-Altona, wahrscheinlich von 1937, lässt sich erkennen, welche personellen Ressourcen für das Funktionieren einer idealtypischen Ortsgruppe nötig waren. Abgestuft in vier Führungsebenen unterstanden dem Ortsgruppenleiter als Hoheitsträger mehr als 40 verschiedene Funktionsposten, besetzt durch einen oder mehrere „Amtswalter“, die sich in Amtsleiter, Abteilungsleiter und Unterabteilungsleiter gliederten und gegebenenfalls noch durch weitere Helfer ergänzt wurden. Insgesamt ein Bürokratiemonster: Rein hypothetisch ergäben sich alleine für die Ortsgruppe „Blankenese Süd“, also der Bereich historischen Blankeneses, außer den genannten 42 Amtswaltern noch 38 Zellenwarte des NSV sowie diverse Beauftragte der NS-Frauenschaft (NSF), 50 bis 60 Blockhelfer als Ergänzung zu den Blockwarten der Partei sowie ungezählte Block- und Hauswarte des Reichsluftschutzbundes (RLB), mithin eine Zahl im unteren bis mittleren dreistelligen Bereich an Funktionsträgern.


Die Elbgemeinden lagen im sogenannten Kreis 7 (Altona). Hier hatten sich seit 1930 und ausgehend von Blankenese diverse „Stützpunkte“ und „Sektionen“ der NSDAP gebildet, die allesamt schnell den Status einer Ortsgruppe erlangten. Dieser Status hing zunächst davon ab, wie viele Mitglieder es im Zuständigkeitsbereich gab. In den Elbgemeinden bestanden nun folgende Ortsgruppen:

  • Groß-Flottbek, Bezirk 56: OG 719, Geschäftsstelle: Ulmenstr. 25,
  • Othmarschen, Bezirk 56: OG 720, OGL, Adresse: Brahmsstr. 10,
  • Nienstedten, Bezirk 57: OG 721, Geschäftsstelle: Hummelsbüttel 31,
  • Blankenese-Nord, Bezirk 58: OG 722, Geschäftsstelle: Dockenhudenerstr. 23,
  • Blankenese-Süd: Bezirk 58, OG 723, Geschäftsstelle: Gosslerhaus, Blank. Landstr.,
  • Sülldorf, Bezirk 59: OG 724, Geschäftsstelle: Im Dorf 15
  • Rissen, Bezirk 60: OG 725, Geschäftsstelle: Bolivarstr. 62,
  • Osdorf, Bezirk 61: OG 726, Geschäftsstelle: Osdorfer Landstr. 164.


Nebenorganisationen in den Ortsgruppen. Quelle: Krögers Adressbuch 1938

Dazugerechnet werden müssen noch die OG Schenefeld im Norden und die OG Wedel im Westen, diese waren aber nicht mehr im Kreis 7. Immer mitgedacht werden müssen dazu auch noch die diversen Nebenorganisationen der Partei, von der SA, der NS-Frauenschaft über den Bund Deutscher Mädel und die Hitler-Jugend bis hin zur NS-Volkswohlfahrt oder der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ und so weiter. Insgesamt hatte sich die NSDAP tief mit der deutschen Zivilgesellschaft verzahnt.


Das politische Personal

Anhand der bisher zur Verfügung stehenden Quellen, parteiinterne Quellen sind nicht überliefert, lassen sich nur wenige Rückschlüsse auf die Mitgliederzahlen in den einzelnen Ortsgruppen, beziehungsweise, den ihnen angeschlossenen Nebenorganisationen ableiten. Verschiedene Berichte lassen vermuten, dass sich die Ortsgruppen bis zum Beginn des Krieges und trotz der verschiedenen Aufnahmestopps um den Faktor zehn bis 15 vergrößerten. So nannte die Ortsgruppe Lurup 1933 47 Mitglieder, 1942 dann „rund 500“, zusätzlich aber 1 142 Mitglieder in der NSV (1933: 27) und der NS-Frauenschaft „rund 600“ (Norddeutsche Nachrichten vom 31.01.1942). Auch die OG in Osdorf meldete ähnliche Zahlen. In Groß Flottbek waren es 1933 bereits 350 Mitglieder, „als das Jahr 1933 die Umstellung brachte, und dann kam natürlich der große Zudrang. Die Mitgliederzahl vervierfachte sich. Dreimal mußte die Geschäftsstelle wegen der immer mehr anwachsenden Arbeit verlegt werden.“ (Norddeutsche Nachrichten vom 3.3.1941).

Dabei war die bloße Zahl der Mitglieder nicht immer ausschlaggebend. Wichtiger war oftmals, wer in der Ortsgruppe war. So zum Beispiel in dem immer noch ländlich geprägten Sülldorf, wo stolz vermeldet wurde, dass die „Mitgliederzahl der Ortsgruppe stetig stieg“, vor allem aber: „heute ist kein Bauer mehr, der ihr nicht angehört“ (Norddeutsche Nachrichten vom 31.1.1941). Die Meinungsführerschaft im alten Sülldorf lag damit genauso bei der Partei wie im benachbarten Siedlungsgebiet in Iserbrook.
 

Parteipräsenz in Iserbrook. Quelle: Privatarchiv

Auch lassen sich nur wenige Amtswalter in den Ortsgruppen der Elbgemeinden identifizieren. Es kann davon ausgegangen werden, dass es eine relativ hohe personelle Kontinuität in den leitenden Positionen bis zum Kriegsbeginn gegeben hat. Karrieren wie die von PG Adolf Ladiges in Sülldorf oder Heinrich Hartwig in Groß-Flottbek, beide seit Anfang der 1930er Jahre in der Partei und Gründer der jeweiligen Stützpunkte und dann Ortsgruppen, waren keine Ausnahmen.


Mit Kriegsbeginn wurden jedoch viele Parteigenossen einberufen, und die Ortsgruppen mussten die Posten neu besetzen, was nicht immer einfach war. Wurde so zum Beispiel in der Ortsgruppe Groß-Flottbek bereits 1939 Ortsgruppenleiter Hartwig durch C. A. Thomsen aufgrund Einberufung ersetzt, musste letztgenannter 1941 an die Front und wurde durch PG Grimrath ersetzt, der, wie es in den Norddeutschen Nachrichten heißt, „schon einmal die Leitung innehatte.“ (10.3.1941). Auch in der OG Blankenese-Süd drehte sich ab 1939 das Personalkarussell: Auf Hermann Militzer folgte offenbar PG Laaser, dann PG Arlt, dann PG Kruse und letztlich wohl PG Diercks gegen Ende des Krieges. Der kriegsbedingte Wechsel in der Leitung der Ortsgruppen verlagerte zum Teil die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Betriebs auf Mitglieder, die eine UK-Stellung hatten oder aufgrund ihres Alters oder Geschlechts nicht eingezogen wurden.

Der wichtigste Aktivposten der Partei

 Bernhard Keller bezeichnet zurecht die NS-Frauenschaften in den einzelnen Ortsgruppen als DIE Aktivposten der Partei an der „Heimatfront“. Ganz im Gegensatz zum oftmals propagierten Bild der deutschen Frau als Gemahlin und Mutter boten sich den Frauen im Dritten Reich vielfältige Handlungsräume, die im Krieg noch wuchsen. Mit der NSF hatte die NSDAP eine Eliteorganisation für Frauen geschaffen, in die nur vom NS überzeugte Frauen aufgenommen wurden. Ob in Blankenese, Dockenhuden, Groß Flottbek, Klein Flottbek, Nienstedten, Osdorf, Rissen und Sülldorf, die NSF unterhielt überall eigene Ortsgruppen.

Parteipräsenz in Iserbrook. Quelle: Privatarchiv

Die Leiterin des NSF-Gaues Schleswig Holstein, Hedwig Schmalmack wohnte sogar in Blankenese. Und hier trat auch die Studienrätin Lucie Winkler zunehmend in den Vordergrund. Winkler, seit dem 1.5.1933 in der NSDAP und seit Herbst des Jahres in der NSF, war seit März 1937 Nachfolgerin von Wilhelmine Militzer als Leiterin der Ortsgruppe, in der sie bereits vorher die Jugendgruppen geleitet hatte. Zusätzlich war sie Mitglied seit 1933 im NS-Lehrerbund, seit 1934 in der NSV, seit 1935 als ausgebildete Sanitäterin im SRK, seit 1937 im Luftschutzbund und seit 1938 im VDA.

Aufgewachsen in Blankenese, war sie nach eigenem Bekunden auf dem „Boden des ‚positiven Christentums‘, so dem sich der Nationalsozialismus nach Punkt 24 seines Programms wörtlich bekennt“, in die Partei eingetreten und diente ihr bis 1945 ohne Zeichen der Kritik (Staatsarchiv Hamburg 221-11_Ed 6416). Wie die Parteigängerinnen und Parteigänger nun als „Mädchen für alles“ dafür sorgten, dass die „Heimatfront“ bis 1945 funktionierte, lesen Sie an gleicher Stelle in der nächsten Ausgabe.

Dr. Jan Kurz

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