Die Jugend von heute
Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden X
Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Jungvolk des Stammes 331 in Iserbrook. Foto: Privatarchiv
Der Schauspieler und Musiker Gerd Lehmkuhl geht ab sofort mit auf Zeitreise und trägt den Text exklusiv für die Leserinnen und Leser vor.
Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden, Teil 10
In dieser Folge geht um„die Eingliederung der christlichen Jugendverbände“ in den Elbvororten.
„Die Jugend von heute ist das Volk von morgen“
Mit diesen Worten feierten die Norddeutschen Nachrichten im März 1934 die Eingliederung der christlichen Jugendverbände in der Propstei Pinneberg in die Hitler-Jugend. Vielen Leserinnen und Lesern mag dieser Zusammenschluss bloß als die logische Folge in der Neugestaltung Deutschlands erschienen sein. Ein weiterer Schritt, so erweckte es den Anschein, war auf dem Weg zur wahren „Volksgemeinschaft“ der Nationalsozialisten getan.
Bereits 1931, also parallel zu den wachsenden Wahlerfolgen der NSDAP, hatten sich in Blankenese einige Jungen zusammengefunden und die erste HJ-Gruppe in den Elbgemeinden gegründet. Johannes Studt berichtet davon im ersten Teil seiner Autobiografie „Zwischen Süllberg und Bull´n“. 1932 folgte dann die Gründung der nächsten HJ-Gruppe, dieses Mal in Rissen. Sonderlich großen Zulauf schienen die Gruppen zunächst nicht gehabt zu haben, mussten sie doch gegen ein ganzes Bündel von anderen Jugendorganisationen konkurrieren, die wie die Bismarck- und die Scharnhorst-Jugend oder die verschiedenen Pfadfinderbünde „Outdoor“-Aktivitäten bereithielten, ganz zu schweigen von den Jugendabteilungen der diversen Sportvereine. Von Beginn an, und hier lag der Unterschied zu vielen anderen Gruppen, war die HJ jedoch politisch ein fester Bestandteil der gesamten NS-Bewegung.
Mit der Machtübergabe an Adolf Hitler änderte sich nun alles. Die „Gleichschaltung“ des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland führte dazu, dass potenziell oppositionelle Vereinigungen wie die Arbeitersportvereine verboten und die anderen Vereine möglichst schnell unter die Kontrolle der Nationalsozialisten gebracht werden sollten. Formal wurde dies vielerorts vollzogen, und es entstand der bis heute wirkungsmächtige Eindruck, die HJ hätte die Deutsche Jugend vollständig erfasst und „auf Linie gebracht“. In der lokalen Feinbetrachtung enthüllt sich dagegen ein differenzierteres Bild. Tatsächlich wurden viele Jugendliche ab 1933 offizielle Mitglieder der HJ, des Bund Deutscher Mädel oder des Deutschen Jungvolks. Sie wurden dies indes nicht aus freien Stücken sondern durch, soziologen-deutsch, Blockrekrutierung, dies bedeutet, dass ihre gesamte Organisation geschlossen in die HJ überführt wurde. Für die Jugendlichen musste sich dadurch zunächst nichts ändern. Von außen betrachtet war so die Jugend von Wedel über Rissen, Sülldorf, Osdorf und Blankenese bis nach Nienstedten und Klein-Flottbek ab 1933 im Stamm 331 des Deutschen Jungvolks organisiert.

Die politische Instrumentalisierung der HJ wurde nicht von allen Jugendlichen unterstützt. Foto: Norddeutsche Nachrichten, 14.6.1934
Da aber zum Beispiel komplette Gruppen des Deutschen Pfadfinderbundes „geschlossen“ ins Jungvolk wechselten, wie die Norddeutschen Nachrichten stolz vermeldeten, ja nicht einmal die Fähnleinführer ausgewechselt wurden, änderte sich für den Alltag vieler Jugendlicher in der Eigenwahrnehmung zunächst nichts. So demonstrierten die Kolonialpfadfinder wie jedes Jahr am Elbstrand für die Wiedereroberung der Kolonien in Afrika. Entsprechendes notierte auch Walter Vehstedt am 17. Januar 1934 in seinem Tagebuch. „Alle aktiven Segler des BSC hatten sich einzugliedern - freiwillig gemeldet hatten sich von sämtlichen Wassersportvereinen Groß Hamburgs und Großaltonas etwa 20 Leute - jetzt waren es ca. 400.“ Als aktiver Jugendsegler im Blankeneser Segelclub war er nun Mitglied der Marine-HJ geworden, gekümmert hat ihn dieses zunächst nicht, Hauptsache: segeln. Das Interesse an Sport und „politische Schulung“ in eine bestimmte Richtung anbietenden Organisation war nicht gegeben.
Noch stärker zeigte sich dieses Desinteresse bei den Mädchen in den Elbgemeinden, darauf weist Emma Kühnelt in ihrer Arbeit hin: Die HJ Blankeneses war zahlenmäßig stets stärker als der BDM, auch nach 1936. Die mögliche Erklärung, dass es weniger Mädchen als Jungen in den Elbgemeinden gegeben hat, ist statistisch nicht belegbar. Tatsächlich gab es 1935 mehr konfirmierte Mädchen als Jungen, was vermuten lässt, dass Mädchen weltanschaulich anders ausgerichtet waren als Jungen. Dies wird auch deutlich darin, dass Mädchen sich lieber in den Vereinen sportlich betätigten als im BDM: So verzeichnete der Blankeneser Männerturnverein in der weiblichen Jugend bis zum 1. Dezember 1936 Zuwachs, als aufgrund eines Erlasses zum Jugendabkommen die Jugendabteilungen der Sportvereine zugunsten der HJ aufgelöst wurden.
Den Blankeneser Segelclub stellten dessen Mädchenmannschaften sogar vor Probleme: Als die Überführung der 14 bis 18jährigen Jungen in die Marine-HJ am Jahresende 1933 beschlossen wurde, wusste der Vereinsvorstand noch nicht, was nun mit den gleichaltrigen Mädchen anzufangen sei. Ein paralleles Vorgehen zur Überführung der weiblichen Mitglieder in den BDM war nicht möglich, bot dieser doch keinen Outdoorsport an, der als „vermännlichend“ empfunden wurde. Und auch noch nach 1936, als die Mitgliedschaft im BDM verpflichtend wurde, lassen sich in den Norddeutschen Nachrichten vermehrt Aufforderungen zum Erscheinen am BDM-Abend finden. Ähnliche Aufrufe an die Hitlerjungen finden sich dagegen selten.

Scharpie-Taufe im BSC 1936 – viele Mädchen, keine HJ-Uniformen aber „Deutscher Gruß“. Foto: Privatarchiv
Insgesamt, so ein kleines Zwischenfazit, erfuhren HJ und BDM zwar ab 1933 großen Zuwachs an Mitgliedern, diese mussten jedoch nicht aus Überzeugung und Übereinstimmung mit den Zielen der Nationalsozialisten eingetreten sein. Darüber gelang es HJ und BDM offensichtlich nicht, das alleinige und dominante Angebot für Jugendliche darzustellen. Auch die klassischen Sportvereine der Elbgemeinden verzeichneten bis 1936 steigende Mitgliederzahlen in ihren Jugendabteilungen. Der Blankeneser Segelclub gliederte seine 14 bis 18jährigen Knaben zwar bereits 1933 in die HJ ein, dennoch stiegen die Zahlen jugendlicher Mitglieder, bis Anfang 1937 stolz verkündet werden konnte, „die größte Jugend-Abteilung Deutschlands im Segelsport“ zu besitzen. Hauptsache: segeln.

Auch nachdem die Vereine ihre Jugendabteilungen zugunsten der HJ auflösen mussten, starteten die Nachwuchssegler weiter unter BSC-Stander. Foto: Norddeutsche Nachrichten, 13.9.1937
Oppositionelle Haltungen der Jugendlichen lassen sich aus diesen Entwicklungen freilich nicht ableiten. Auch in den Vereinen und unabhängig von der Hitlerjugend gab es Fahnenmärsche und wurde der „Deutsche Gruß“ geübt. Die neue „Volksgemeinschaft“ wurde hier ebenso begrüßt wie der Führerkult. Dennoch blieb man und frau auf Distanz zum Bild des „Deutschen Jungens“ und des „Deutschen Mädchens“: Der BSC veranstaltete zum Beispiel für seine Mädchenmannschaft sommerliche Kutterfahrten, die bis nach Dresden führten. Die Yachtschule kaufte einen alten Marinesegler, auf welchem Mädchen und Jungen aus ganz Deutschland segeln lernen konnten. Sportliche Wettkämpfe mit eindeutig paramilitärischem Hintergrund wie Landemanöver von Wasser aus und Ruderwettkämpfe wurden als BSC-Jugend gegen die HJ-Mannschaften veranstaltet.
Trotz ihrer zahlenmäßigen Dominanz wurden HJ und BDM in den Elbgemeinden als ein mögliches Angebot an die Jugendlichen wahrgenommen, als ein weiterer Verein, so ein vorsichtiges Fazit. Und wer sich bemühte, konnte die Mitgliedschaft auch verweigern. So berichten Johannes W. Studt wie auch Volker Detlef Heydorn vom unkomplizierten Austritt. „Niemand hat mich belästigt“, so Studt in seiner Autobiografie, „von einem wurde ich mal folgendermaßen angesprochen: ‚Du bist also der ominöse Studt.‘ Ich habe mich nur umgedreht und bin weggegangen.“ Auch Walter Vehstedt hält in seinem Tagebuch fest, dass sein Bruder einfach per schriftlicher Kündigung aus der Marine-SA austreten konnte. Konsequenzen seien dem Bruder dadurch nicht entstanden. Brigitte Brunkhorst berichtet, dass sie sich den BDM einen Nachmittag angeschaut und es ihr nicht gefallen habe. Ihre Eltern hätten daraufhin der Gruppenführerin erklärt, dass sie nicht kommen wolle und dabei sei es dann geblieben.
Erst mit dem „Gesetz über die Hitlerjugend“ vom 1.Dezember 1936, mit dem die Hitlerjugend zur „Staatsjugend“ mutierte, wurde die Mitgliedschaft in dieser alternativlos, wurde die Jugend planmäßig in die Mobilmachung der deutschen Gesellschaft für den nächsten Krieg integriert. Wer sich nun noch weigerte, nicht „auf Linie“ sein wollte, der sollte schnell die harte Hand des Regimes zu spüren bekommen, wie einige Jugendliche in den Elbgemeinden. Doch dazu später mehr.
Dr. Jan Kurz
