Widerstand
Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden V
Auf Zeitreise mit Dr. Jan Kurz - Zeitgeschichte in den Elbvororten neu interpretiert.

Öffentliches Zurschaustellen kommunistischer Widerstandskämpfer in Wedel. Quelle: Stadtarchiv Wedel
Der Schauspieler und Musiker Gerd Lehmkuhl geht ab sofort mit auf Zeitreise und trägt den Text exklusiv für die Leserinnen und Leser vor.
Der Nationalsozialismus und die Elbgemeinden, Teil 5
In dieser Folge geht es um den Widerstand in den Elbvororten gegen den NS-Terror.
„Wenn man einmal die Wahrheit sagt, kommen die Nazis und verhaften den Betreffenden“, heißt es in einem zeitgenössischen Zitat. Mit der Übertragung der Macht an die Nationalsozialisten waren diese darum bemüht, auch in den Elbvororten jegliche Form von Opposition zu unterdrücken.
„Wenn man einmal die Wahrheit sagt, kommen die Nazis und verhaften den Betreffenden.“
So sprach ein sichtlich erregter Hans Döttinger am Morgen des 9. September 1933 zu einem Bekannten in der Vorortbahn zwischen Blankenese und Altona. Auch, dass „die jetzige Regierung dasselbe macht wie die Sozialdemokraten 1918, es wird viel versprochen und nichts gehalten, alles Bluff“. Spätestens hier musste Döttinger, offensichtlich kein Sozialdemokrat, innehalten, bot ihm doch sein Abteilnachbar Emil Tolksdorff aus Rissen grob „welche in die Fresse, falls er noch ein Wort weiter spräche“. Tolksdorff wiederum war mit den SA-Männern Brügmann und Ewers sowie dem NSBO-Amtswalter Schmidt im Abteil zugegen und hatte mit Döttinger zuvor gesprochen. Döttinger schwieg darauf und hatte den Zwischenfall wohl vergessen, als er in Altona die Bahn verließ und zur Arbeit ging. Nicht vergessen hatte ihn jedoch Tolksdorff, der noch am gleichen Abend eine Meldung an die Polizei tippte – und seine drei Parteigenossen gleich mit unterschreiben ließ. Verhaftung, Anklage vor dem Sondergericht in Altona und das Urteil folgten innerhalb weniger Tage. Döttinger, versehrter Frontkämpfer in einem Stoßtrupp im ersten Weltkrieg, kam mit einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten auf Bewährung und einem Bußgeld von 150 RM noch vergleichsweise glimpflich davon.
Diese Geschichte, deren erster Teil sie sich täglich überall abspielen könnte, der Bundestagswahlkampf lässt grüßen, verweist im Kontext des Dritten Reichs auf eines der klassischen Themen der deutschen Geschichtsforschung, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. War Hans Döttinger ein Widerstandskämpfer, weil er die Stimme erhob, wo die meisten Deutschen schwiegen? Allgemein spricht man heute von Widerstand als „jedem bewussten Versuch, dem NS-Regime entgegenzutreten und die damit verbundenen Gefahren auf sich zu nehmen.“ Daneben gibt die von Martin Broszat eingeführte „Resistenz“ als den Versuch, sich den Machtansprüchen der NS-Herrschaft zu verweigern zum Beispiel durch Nicht-Teilnahme an NS-Versammlungen, die Verweigerung des Hitler-Grußes oder den Umgang mit Juden. Finden wir solches Verhalten in den Elbgemeinden?
Mit der Übertragung der Macht an die Nationalsozialisten waren diese darum bemüht, jegliche Form von Opposition zu unterdrücken. Parallel zur „Gleichschaltung“, über die wir zuletzt berichteten, wurden systematisch alle linken Parteien, Gewerkschaften und Vereine verboten oder inkorporiert: Parteimitglieder der SPD wurden aus der öffentlichen Verwaltung entfernt, Lehrer entlassen und den Arbeitersportvereinen wie der „Freien Turnerschaft Blankenese“, heute Komet, die Benutzung städtischer Sportanlagen sofort untersagt, bis diese Vereine im April 1933 ganz verboten wurden.
„Der gesamte Gerätepark einschließlich der Musikinstrumente wurde von der Polizei auf Lastkraftwagen verladen und abtransportiert. Abgeladen wurde in der Kaserne Bundesstraße. Das Barvermögen von ca. RM 2000,- wurde mit den Sparbüchern beschlagnahmt und verschwand wie das übrige Vereinseigentum auf Nimmerwiedersehen,“ so berichtet die Vereinschronik von Komet. In Wedel übernahmen die Nationalsozialisten gleich entschädigungslos die Arbeitersporthalle. Auch symbolische Unterdrückungsmaßnahmen gehörten zum Repertoire, diese sollten darauf abzielen, jeden möglichen Widerstand zu brechen. So wurde die Simrockstraße, damalig Friedrich-Ebert-Straße, nach dem Blankeneser SS-Sturmführer Ernst-Wilhelm Chemnitz in „Dr. Chemnitzstraße“ umbenannt. Nicht nur sollte so die Erinnerung an den ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik gelöscht werden, an seiner statt wurde mit dem Namen des SS-Sturmführers klar kommuniziert, wer die neuen Herren im Land waren. Diese symbolische Unterdrückung zeigte sich auch darin, dass Arbeiterlokale wie „Baumann“ in Dockenhuden, heute die „Linde“, oder das Kaffeehaus „Ruppert“ in Iserbrook gezielt mit NS-Treffen „übernommen“ wurden.

Frontseite der Widerstandszeitung „Der Rote Roland“
Quelle: Stadtarchiv Wedel
Widerstand kam, wenn überhaupt, offenbar nur aus den Wohngegenden, in denen die Arbeiterbewegung in den Elbgemeinden traditionell ihre Basis hatte. Das nördliche Dockenhuden und wenige Straßen- und Häuserzüge in anderen Gemeinden wie Groß-Flottbek, vor allem aber Wedel, lassen sich nennen. Hier war mit dem „Der Rote Roland. Eine Zeitung für die Werktätigen Wedel“ eine eigene Untergrundpresse, initiiert von einer kommunistischen Widerstandsgruppe aktiv bis 1934. In den Altonaer Elbvororten verbreitet war bis 1934 auch die kommunistische „Hamburger Volkszeitung“, die unter der Hand zusammen mit anderen Flugblättern weitergereicht wurde.
Wer freilich beim Herstellen, Lesen und Verteilen dieser Medien erwischt wurde, dem drohte Verhaftung und Einlieferung ins Konzentrationslager Glückstadt und Sondergericht. Die Nationalsozialisten ließen es sich auch nicht entgehen, Verhaftete öffentlich zur Schau zu stellen, wie dieses in Wedel geschah. Die Norddeutschen Nachrichten nahmen das Bild gerne auf und unterstützten kommentierend diese Terrormaßnahmen: „Den Herstellern eines geheimen Schmutzblattes ‚Der Rote Roland‘ band man als gerechte Strafe Schilder um den Hals mir der Aufschrift: ‚Wir Lumpen haben den Roten Roland gedruckt‘ und ‚Wir Schmutzfinken haben anständige Bürger mit Dreck beworfen‘ und führte sie dann durch die Straßen von Wedel.“

Karikatur aus der „Hamburger Volkzeitung“
Quelle: Stadtarchiv Wedel
Dutzende Kommunisten wurden verhaftet oder in die Emigration gezwungen, bis dieser Widerstand erlahmte. Was nicht vollständig unter Kontrolle zu bekommen war, waren Einzelaktionen, ausgeführt im Schutze der Nacht, die eher symbolischen Charakter hatten, und über die sich die Lokalpresse empörte: „Unsaubere Elemente“, so am achten Januar 1935, hätten „in der Bahnhofstraße ihr Unwesen getrieben“ und den Schaukasten des Blankeneser SA-Sturms 32/31 demoliert. Eine symbolische Aktion, die in den kommenden Jahren immer wieder auftauchte.
Noch im September 1933 hatten, ich zitiere wieder die Norddeutschen Nachrichten, „Kommunistische Rüpel die Badeanstalt am Dockenhudener Strand mit roter Farbe beschmiert“, was den traditionellen Ruf nach Ordnung laut werden ließ: „Hoffentlich gelingt es der Polizei recht bald, diesen sauberen ‚Volksgenossen‘ das Handwerk zu legen.“ Symbolisch am eindrucksvollsten war dabei wohl das Hissen einer Roten Fahne mitten im Garten von Dr. Dr. Schlüter in Blankenese, Wilmannspark: „Die Täter haben das Ende der Flaggenleine absichtlich nicht verbunden, um ein Herunterholen der Fahne zu verhindern. Auf den Eingriff der Polizeibehörde hin wurde der Flaggenmast von der Feuerwehr umgelegt.“ Die von Dr. Dr. Schlüter als Belohnung für das Ergreifen der Täter ausgesetzten 50 Mark waren offenbar nicht attraktiv genug, dass hier jemand verpfiffen wurde.

Gedenkstein an Dr. Chemnitz, SS-Sturmführer aus Blankenese
Quelle: Stadtarchiv Wedel
Wo organisierter Widerstand nicht mehr möglich war, griffen manche Einwohner der Elbgemeinden zu subtileren Mitteln, um Ihrer „Resistenz“ Ausdruck zu verleihen. Möglichkeiten gab es immer wieder, zumindest zu zeigen, dass man Abstand zu den Nazis hielt, ohne diesen wiederum direkte Zugriffsmöglichkeiten zu bieten. Manche boykottierten die NS-Veranstaltungen, was durch die Partei immer wieder beklagt wurde, manche weigerten sich, am obligatorischen gemeinschaftlichen Hören von Hitler-Reden teilzunehmen, eine nicht näher bekannte Bewohnerin klopfte lieber lautstark Teppiche, wenn der Führer sprach. Ein weiteres beliebtes Mittel der Resistenz war das Vermeiden oder Abändern des „Hitler-Gruß“. So beklagten 1935 die Nationalsozialisten in Blankenese, dass „unser Gruß“ vielfach gedankenlos oder respektlos gebraucht werde.
Auch ehemalige Sozialdemokraten machten sich ein Scherz aus dem „Hitlergruß“ wie Hinrich Biehl aus Wedel, der auf die Begrüßung „Heil Hitler“ mit, „Heil Moskau“ heet dat! Du hest woll vergeten, wat du freuher west bist und weest nich mehr wie de Gruß von freuher heet“, antwortete. Diese Aussage reichte freilich wieder dazu aus, ihn vor das Sondergericht Altona zu stellen, das bereits Hans Döttinger verurteilt hatte. Die von den Nationalsozialisten propagierte „Volksgemeinschaft“ verstand keine Scherze.
Dr. Jan Kurz
