Was wächst denn da?
Über Mythen und Misteln
Man kann sie unmöglich alle kennen oder über Detailwissen zu den schönen Bäumen, Büschen, Gehölzen und Blumen verfügen, die in den vielen Gärten und Parkanlagen in den Elbvororten grünen und blühen. Mit Anne Krischok, die Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde des Botanischen Gartens ist, und dem Team der Anlage an der Ohnhorststraße in Klein Flottbek, stellen wir einige Pflanzen vor und berichten über Besonderheiten. In dieser Weihnachts-Folge berichtet Revierleiterin Angela Jahns über Misteln.

An einem großer Silberahorn (Acer saccharinum ‚Laciniatum Wieri‘) an der Wegecke zum Loki-Schmidt-Haus befinden sich besonders viele Misteln. Fotos: Angela Jahns
Wenige Schritte hinter dem Eingang fallen, besonders im Winter, die über und über mit Misteln bewachsenen Bäume auf.
An einem großer Silberahorn (Acer saccharinum ‚Laciniatum Wieri‘) an der Wegecke zum Loki-Schmidt-Haus befinden sich besonders viele Misteln.

Der Silberahorn ist über und über mit Misteln bedeckt.
Doch zunächst zur Geschichte der Ansiedlung von Misteln im Botanischen Garten:
Im Rahmen der Verlegung des Botanischen Gartens aus der Innenstadt nach Klein Flottbek wurde ein Apfelbaum mitsamt Misteln aus dem Alten Botanischen Garten umgepflanzt. Misteln werden für Unterrichtszwecke benötigt. Schon nach wenigen Wochen starb der Baum. Die immergrüne Mistel hatte dem Apfelbaum Wasser entzogen. Durch das Umpflanzen konnten die Wurzeln nicht genügend nachliefern. Der Baum trocknete völlig aus. Was tun? Ein neuer Versuch: Der damalige stellvertretende Leiter des Botanischen Gartens, Prof. Hans-Dieter Warda, fand einen rund sechs Meter hohen mit einigen Misteln besetzten Silber-Ahorn (Acer saccharinum) in Witzenhausen bei Kassel und ließ 1978 den Baum auf der Frühlingswiese im neuen Botanischen Garten pflanzen. Da das Feinwurzelsystem für die Wasserversorgung des Baumes entscheidend ist, musste er angeregt werden, sofort nach dem Einpflanzen Feinwurzeln zu bilden.
Das wurde durch eine besondere elektrische Fußbodenheizung gefördert: Das Pflanzloch wurde mit einem Drahtgeflecht ausgekleidet, dass mit Strom den Boden erwärmte. Der Silberahorn bildete gleich neue Wurzeln, die Knospen trieben aus und die Mistel konnte dem Baum nichts anhaben. Die „Fußbodenheizung“ trocknete den Boden jedoch aus, weshalb das Pflanzloch mit einer Glashaube geschützt wurde. Temperatur und Bodenfeuchte wurden fortan sorgfältig und regelmäßig kontrolliert. Dank dieser Maßnahme überstand der Baum die kritische Anfangsphase.
2018 musste dieser inzwischen über und über mit Misteln (Viscum album) besetzte Silber-Ahorn (Acer saccharinum) aufgrund von verschiedenen Pilzerkrankungen gefällt werden. Die Schäden waren so weit fortgeschritten, dass der Baum eine unberechenbare Gefahr darstellte. Vor allem die Pilze Hallimasch und Austern-Seitling, sowie Schleimpilze hatten dem Baum zugesetzt.

Auch an einem Wildapfel-Baum haben sich die Misteln ausgebreitet.
Misteln ( Viscum album) sind wintergrüne Zwergsträucher, die als Halbschmarotzer, soll heißen, sie haben keine eigenen Wurzeln, die Wasserleitungsbahnen der Wirtsbäume anzapfen und sich vom Saftstrom des Baumes ernähren. Sie sind zweihäusig und werden von Insekten, meist Fliegen, bestäubt. Die Früchte der Misteln färben sich im Herbst weiß. Sie fallen nach dem Laubfall der Wirtsbäume auf und locken Vögel an, die für die Verbreitung sorgen. Die Vögel versuchen die sehr schleimigen Früchte möglichst schnell wieder loszuwerden und wischen sich den Schnabel an der Rinde von Bäumen ab. Die Rinden dürfen dabei nicht zu alt und zu dick sein.
Für eine zusätzliche Verbreitung sorgt der Weihnachtsschmuck, denn Misteln werden seit einigen Jahren gerne als Advents- und Weihnachtsdekoration genutzt. Nach den Festtagen landen sie, wenn sie vertrocknet sind, in der Biotonne oder auf dem Komposthaufen, der im Winter auch gerne von Vögeln besucht wird. In England und Frankreich werden die grünen Mistelzweige schon lange zu Weihnachten aufgehängt. Sie erinnern an keltisches Brauchtum: „No mistletoe, no luck“. Jede Frau, die unter einem Mistelzweig steht, darf geküsst werden.
Die alten Germanen glaubten, dass Misteln vom Himmel gefallen seien und betrachteten sie daher als heilig.
Die alten Germanen glaubten, dass Misteln vom Himmel gefallen seien und betrachteten sie daher als heilig. Gallische Druiden benutzten sie als Heilmittel und zu kultischen Zwecken, wer kennt nicht aus „Asterix und Obelix“ den Druiden Miraculix, der Misteln für seinen Zaubertrank der Unbesiegbarkeit verwendete. Sowohl für Menschen als auch für Tiere sind die Blätter und Stängel der Misteln gering giftig, die Beeren gelten dagegen als ungiftig. In der Naturheilkunde werden Misteln in der begleitenden Krebstherapie eingesetzt.
Angela Jahns/ mk