Alltag nach 1945
Neuanfang mit Altlasten
180 Menschen kamen zur Eröffnung einer Ausstellung über Blankenese in der Nachkriegszeit. 26 Tafeln erzählen von Entnazifizierung, demokratischem Neubeginn – und davon, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderlagen.

180 Besucherinnen und Besucher kamen zur Ausstellungseröffnung. Fotos: mk
Was geschah eigentlich in Blankenese, als der Krieg vorbei war und Deutschland vor dem schwierigen Neuanfang stand? Wie gingen die Menschen mit der Vergangenheit um? Und was bedeutete der viel beschworene demokratische Neubeginn ganz konkret im Alltag? Diesen Fragen widmet sich eine neue Ausstellung des Förderkreises Historisches Blankenese. Zur Eröffnung im Gemeindehaus der Kirche am Markt kamen rund 180 Besucherinnen und Besucher.
Der Vorsitzende des Förderkreises, Dr. Jan Kurz, machte in seiner Rede deutlich, dass die Nachkriegszeit keineswegs einfach als Stunde Null verstanden werden kann. Auf 26 Text- und Bildtafeln wird gezeigt, was in Blankenese nach 1945 geschah – und wie schwierig der Weg von der nationalsozialistischen Diktatur hin zu einer demokratischen Gesellschaft tatsächlich war. An der Ausstellung haben 13 Autorinnen mitgewirkt. Gemeinsam zeichnen sie ein vielschichtiges Bild der Jahre nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes.

Maren Kemmer. Leiterin der Gemeindeakademie und Dr. Jan Kurz freuen sich über die vielen Besucherinnen und Besucher.
Bei der „Tauchfahrt durch die Nachkriegszeit“, so Kurz, geht es um den harten Alltag der Menschen. Denn Wohnraum war knapp, Lebensmittel waren Mangelware, Flüchtlinge und Vertriebene kamen in die Stadt. Und zugleich stand die Gesellschaft vor der schwierigen Aufgabe, sich mit der Hinterlassenschaft der nationalsozialistischen Diktatur auseinanderzusetzen. Auch über die englischen Besatzer-Soldaten wird berichtet. „Im Strandhotel gab es Bier für die Besatzer und Limo für deutsche Gäste“, berichtet Dr. Jan Kurz.
Schnell wollte man die Nazi-Zeit vergessen. „Dabei ging es oft um Verharmlosung – bloß nicht den Anschein erwecken, man war dabei gewesen oder habe profiziert“, so der Historiker. Denn dies war vorteilhaft bei der Ausstellung von so genannten Persilscheinen. Belastete Personen legten solche Schreiben bei Spruchkammern vor, um ihre Mitgliedschaft in der NSDAP oder anderen NS-Organisationen zu verharmlosen und harte Strafen zu umgehen. Häufig seien diese Dokumente Gefälligkeitsgutachten gewesen.

Text- und Bildtafeln beschreiben Leben und Alltag der Menschen im Stadtteil während der Nachkreiszeit.
Anschaulich arbeitete Dr. Jan Kurz heraus, wie schnell sich so manche Bürger auf die neuen Zeiten einstellten. „Wir haben ja jetzt Demokratie – so hieß es von Walter Möller-Franzen, ehemaliger Vorsitzender des Blankeneser Bürger-Vereins. Unwillkürlich mögen sich viele Besucher gefragt haben, was Möller-Franzen eigentlich darunter verstanden hat. „Problematisch war für Möller-Franzen seine NS-Vergangenheit: Parteieintritt vor 1933, Funktionsträger im Reichluftschutzbund, bekennender Antisemit, Verbindungsoffizier im Range eines Obersturmbannführers im RSHA, der zentralen Behörde im NS-Unterdrückungssystem.
Bereits in seinem Entnazifizierungsverfahren spielt er die Tatsachen so gut es ging runter: Der frühe Parteieintritt wird zunächst verschwiegen, jede Tätigkeit für die Partei verneint und der SS-Rang des Obersturmbannführers mit der „automatischen Angleichung“ der Dienstränge bei der Schutzpolizei begründet. Hier log Möller-Franzen, denn er selber beantragt bereits 1938 die Aufnahme in die SS“, so Dr. Jan Kurz. Befremdlich wirkt es da, dass dieser Mann 1952 als „unbelastet“ eingestuft wurde.
Es sind ebendiese lokalen Schicksale, die diese einzigartige Ausstellung so sehens- und erlebenswert machen. Noch bis 31. Oktober ist sie im Gemeindehaus zu besichtigen. Außerdem beschreibt Dr. Jan Kurz auch in unserer Zeitreise den Alltag der Menschen in Blankenese und Rissen unter www.der-rissener.de/zeitreise.
mk
