Sommerstory
Der 94-Jährige, der in sein Auto steigt...
…und mit seinem Wohnwagen zum Campen nach Dänemark fährt. So könnte der Titel eines neuen Romans des schwedischen Erfolgsautors Jonas Jonasson heißen. Doch in diesem Fall gibt es jenen 94-Jährigen wirklich. Es ist Helwig Knothe aus Lurup, und er ist kürzlich samt seinem Wohnwagengespann auf dem Campingplatz auf der dänischen Nordseeinsel Römö eingetroffen.

„Er ist wieder da“: Helwig Knothe, 94 Jahre alt, auf dem Campingplatz in Lakolk auf Römö, Dänemark. Foto: mk
Den etwa 194 Kilometer langen Weg mit Strecken auf der Autobahn und Landstraßen bewältigt er seit Jahren alleine. Dass dies aufgrund seines Alters für viele Menschen etwas ungewöhnlich ist, erstaunt den rüstigen Senior. „Wieso, ich fahre gerne Auto, campe hier auf Römö seit den 1960er Jahren. Ich genieße hier die gute Nordseeluft, das bekommt mir gut, denn ich habe Asthma“, berichtet er. Indes ist er auch bei seinen dänischen Nachbarn auf dem Campingplatz eine Sensation. „Er ist wieder da“, hieß es in den sozialen Medien, als Knothe mit seinem Gespann auf seinen Stellplatz zusteuerte und seinen Tisch samt Schirm aufstellte, um einen ersten Kaffee auf der Insel nach der Fahrt zu trinken. „Ich finde es schon mutig und toll, dass der Herr in seinem Alter so eine Fahrt auf sich nimmt und alles bewältigt“, sagt Vibeke Floytrup Brombach, die in der Nähe mit ihrem Wohnwagen und Hund „Kalle“ Urlaub macht. Von vielen Stammgästen wurde er begrüßt, und der pensionierte Platzwart ließ ihn grüßen.
Helwig Knothe ist Camper aus Leidenschaft. Geboren in Windhuk, Namibia, erkundete er mit seinem Vater, der Spezialist für afrikanische Sprachen war, samt Zelt die Gegend. Damals lernte er: „Angst haben als Camper muss man eigentlich nur vor Löwen.“ In den 1930er Jahren kehrte seine Familie nach Deutschland zurück, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Lehrer. „Die langen Sommerferien waren toll. Da konnte ich in die Welt reisen.“ Der freiheitsliebende Mann wurde politisch aktiv, trat in die FDP ein, und brachte in der Bürgerschaft und in der Bezirksversammlung viele Projekte in den Elbvororten auf den Weg. In seiner Freizeit spielt er – wenn er nicht gerade unterwegs ist – Theater beim Ensemble „Swatten Weg“ in Lurup. „Im Altersheim sitzen und den Autos hinterherstarren, das ist meine Sache nicht“, sagt er. Und von seinen Touren nach Römö lässt er sich auch von Widrigkeiten nicht abbringen. „Dieses Jahr war es echt schwierig. Eigentlich wollte ich schon am 1. Mai hier sein“, berichtet er. Doch die Benzinpumpe seiner „Zitrone“, so nennt er sein Auto, machte schlapp. „Ich musste lange auf ein Ersatzteil warten wegen der Corona-Pandemie, und weil die Frachter im Suez-Kanal feststeckten.“
Nach der Reparatur wollte Knothe wieder losfahren. „Leider stellte sich heraus, dass der Benzintank undicht war.“ Wenig später musste der Luruper eine Operation am Rücken überstehen. „Danach dachte ich, jetzt geht es endlich los. Ich kam bis Neumünster. Da streikte die Kupplung. Wieder ein Werkstattaufenthalt.“ Vor drei Wochen unternahm er einen weiteren Versuch und fuhr immerhin bis Tinglev in Dänemark. „Der Wagen streikte wieder. Ich ließ ihn in einer Werkstatt und fuhr nach Hause mit dem Zug. Als die Mitarbeiter der dänischen Werkstatt grünes Licht gaben, fuhr Knothe wieder nach Tinglev, holte sein Gespann ab und kam dann wirklich auf dem Campingplatz in Lakolk an. Sein Fazit: „Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, dann ziehe ich es auch durch.“ Da sei er anders als sein wenige Jahre jüngerer Bruder, mit dem er mal im norwegischen Bergen gecampt hatte. „Es hat so geregnet, da ist er wieder mit der Bahn nach Hause gefahren.“ Für Helwig Knothe undenkbar. Ob er sich einen Campingurlaub mit einem modernen, bequemen Wohnmobil vorstellen könnte, anstatt mit seinem Retro-DDR-Wohnwagen samt reparaturanfälliger „Zitrone“? „Warum nicht, ich bin da offen für Neues.“ Und vielleicht würde in so einem Gefährt, das auch widriges Wetter abhält, auch der Bruder mitfahren, und „wir holen unsere Norwegen-Tour nach“, sagt er. Jetzt will er aber endlich sein Vorzelt aufbauen und seine Ferien genießen.
mk
